Indien 2003

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Indien riecht nach Dieselabgasen, Urin, Staub, Jasmin, Menschenkacke, Müll, Schweiß, Autan, Kuhkacke, Zitronellaöl. Und es macht high.

26. Januar bis 10. Februar

(c) Dietmar Bittrich 2003 Druckversion
  1. Ankunft
  2. Man trifft sich
  3. Religion
  4. Die westlichen Gurus
  5. Ramana Ashram
  6. Erleuchtung
  7. Rückkehr
Ankunft

Es ist Sonntag, 18:30 Uhr. Wir sind euch viereinhalb Stunden voraus. Und das nur deshalb, weil wir gut gelandet sind. Der Flug war lang, aber nicht so anstrengend, wie erwartet. Drei Stunden Zwischenaufenthalt in Dubai, schöne Flughafengebäude, viele Europäer, die da auf Weiterflüge warten und den Kilometerweg an Shoppingmöglichkeiten hin- und herwandern. Auch viele Araber, zum Teil im Burnus, die in Gebetsräumen verschwinden und ihre kostbaren Reisetaschen vor der Tür lassen. Geklaut wird da offenbar nicht. Vielleicht, weil Dieben die Hand abgehackt wird. Das Flugzeug nach Madras (Südostküste Indien) wird innen mehrmals mit Spraydosen und via Wolken aus der Klimaanlage desinfiziert. Man weiß nicht genau womit und hustet allergisch. Schlaf ist schwierig, zumal man zum Essen geweckt wird. Bildschirme vor jedem Sitz (Emirates Air Lines) zeigen Filme und, auf Wunsch, die Sicht des Piloten. Ankunft in Madras, neuerdings Chennai: da ist es neun Uhr, als wir die Passkontrolle hinter uns haben. Dieser Flughafen ist nicht mehr so schick. Als wir rauskommen, in feuchte Hitze, stehen da schaurig viele Inder, zum Glück abgegrenzt durch Balustraden. Sie bieten Taxis an oder wollen nur kucken. Torsten hat uns ein Taxi vorbestellt, gefahren von unserem Pensionswirt persönlich unter untätiger Mithilfe zweiter Begleiter. Es ist ein Kleinbus für zehn Personen, der mit einem lauten Dieselmotor nicht schneller fahren kann als siebzig. Zunächst geht es sowieso nur langsam, aus der Flughafen-Vorstadt hinaus, auf einer vierspurigen Strasse mit einem Mittelstreifen, auf dem gelegentlich eine Kuh liegt. Man fährt links, aber am liebsten in Strassenmitte, weil da die wenigsten Schlaglöcher sind. Lärmschock, Kulturschock. Lärm aus ungedämpften Auspuffen, pausenlosem Hupen (alle hupen dauernd), Fahrradklingeln, Rufen

Jede Menge Menschen, natürlich dunkelhäutige. Viele fast schwarz. Schlank bis dünn, gut aussehend, selbst die alten Leute. Frauen tragen durchweg schöne bunte Saris. Männer Hose und kurzärmeliges Hemd oder Wickelröcke. Der Schock ist, dass es so viele sind und dass fast alle arm aussehen. Viele auf Fahrradern, auf Mopeds (Vater mit vier kleinen Kindern zum Beispiel), viele in Moped-Rikshas. Am Strassenrand Stände mit Obst, Töpfe, Hausrat, Wasser, Coca Cola, Tee, meist unter Palmstrohdächern, die vorgebaut sind vor ein- bis zweigeschossige Häuser. Schlafende auf Sandhaufen. Kinder kacken auf den Weg. Es sind Slums, durch die wir fahren, aber was anderes als Slums kommt auch nicht. Die Wege, die von der Hauptstrasse wegeführen, sind aus Sand. Die Häuser haben scheinbar weder Wasser noch Licht. Also erst recht keine Kanalisation. Hütten aus Lehm, mit Palmstroh gedeckt, drinnen eine Matratze auf dem Fußboden.

Sobald die vierspurige Strasse aufhört (auf der schon alles mächtig durcheinander geht), wird es brenzlig. In der ersten Viertelstunde denkt man, der Unfall geschieht im nächsten Augenblick. Alle fahren - emsig hupend - auf Crashkurs, und erst im letzten Augenblick gibt der Schwächere nach. Also der Radfahrer dem Moped, das Moped dem Auto, das Auto dem Bus, der Bus dem LKW, der LKW der Kuh. Bis zum Ausweichen fährt man aufeinander zu, und zwar in der Mitte der Strasse, alle fahren genau in der Mitte, und erst im letzten Augenblick weicht um Haaresbreite aus. Die Autos kommen sich immer sehr nahe, ohne sich allerdings wirklich zu berühren. Als Passagier versucht man den Zusammenstoß abzuwenden, indem man sich hilfreich zur Seite beugt. Riesige Schlaglöcher lassen das Auto tanzen und springen, und die Fahrgäste holen sich Beulen und ein zusammengestauchtes Rückgrat. Das alles Temperaturen über dreißig Grad.

Auf den Felder Frauen bei der Bearbeitung von Reisfeldern. Frauen auch bei Strassenbaukolonnen, immer in bunten Saris. Hirten, manchmal Ehepaare, manchmal ganze Familien führen Ziegenherden an der Strasse entlang. Die Kühe haben farbig angemalte Hörner: gelb, rot, blau, schwarzweißrot. In den Dörfern viele Menschen auf den Strassen. Man lebt auf der Strasse. Schulen, nach Geschlechtern getrennt, unter freiem Himmel, meist in Schatten von Bäumen. Armut rechts und links.

Der Minibus hält bei einem Teeverkäufer am Strassenrand. Unsere erste Tasse Chai. Der schwarzhäutige Tamile hat ein Teekonzentrat und Milch und viel Zucker und mischt alles mit ausgreifenden Gesten hin und her. Zu süß, aber tut gut. Und kostet 2 Rupies. 1 Rupi sind zwei Cent oder vier Pfennig. Man lebt günstig.

Ankunft in Tiruvannamalai: brodelnde Stadt von hunderttausend Einwohnern, die zur Zeit alle auf der Strasse sind. Unglaublicher Lärm. Die lauten Autos, die Hupen, die Schreie von anpreisenden Kleinsthändler. Jede Menge Auspuffwolken. Mopedrikshas, Kühe, Stände von Händlern an der Strasse. Der Minibus wühlt sich durch, fährt etwas aus der Stadt raus und hält nicht weit von der Hauptstraße vor einem Hotel, das nicht so schlimm aussieht wie befürchtet.

Im Zimmer (6 Euro pro Tag): Eine Matratze 1,20 mal 2 auf einem hölzernen Bettgestell. Zwei Quelle-Gartenstühle. Ein Plastiktisch, niedrig. Ein kleiner Rasierspiegel. Das Klo/Bad: immerhin ein Klo zum Sitzen (nicht selbstverständlich). Ein Hahn aus der Wand, aus dem lauwarmes Wasser (von der Sonne angewärmt) in einen Eimer fließt. Darüber ein schmalstrahliger Duschkopf. Kein Klopapier (man wäscht sich mit der linken Hand), keine Handtücher. Kein Laken oder Kissenbezug, kein Schrank. Aber ein Ventilator. Und Fliegengitter vor den Fenstern.

Schlaf: schwierig. Denn draussen tobt der Lärm, und zwar die ganze Nacht durch. Viertel vor drei jede Nacht stellt irgendein Shop an der Haupotstrasse laut das Radio an. Wohl Nachtarbeiter. Das schallt herüber. Vor allem aber sind es die LKWs auf der Hauptstrasse, die nach wie vor hupen, auch nicht ganz zu Unrecht, weil da nachts Bettler herumschwanken. Auch unmittelbar unterm Fenster führt eine emsig von Mopeds befahrene Strasse vorbei. Sie führt um die Ecke, deshalb muss gehupt werden.

Frische Luft spendet der offene Abwasserkanal, der an der Strasse unterm Fenster vorbeiführt. Schweine grunzen daran herum.


Man trifft sich

Es gibt drei Restaurants, in die Europäer gehen können. Die German Bakery wurde irgendwann von einem Deutschen gegründet, der eine Inderin heiratete und längst verschwunden ist (Mahasamadhi). Es handelt sich um eine Baracke auf dem Dach eines Hauses. Es gibt keine Fenster, aber immerhin Fliegengitter, das Dach besteht aus trockenen Palmwedeln. Niemand weiß, ob es den nächsten Monsun übersteht. Der Boden ist ungefegter Beton, aber man soll bitte die Schuhe ausziehen. Was kann man hier essen? Banana Pancake, Apple Pancake, Cinnamon Pancake, Toast, Omelettes, Lassi, Nescafe (der hiesige Filterkaffee ist für Kaffeetrinker ungenießbar, besser ist immer der Chai, der Tee mit Milch und Zucker und Kardamom). Es dauert unendlich lange, bis die kleinen Speisen kommen, denn in der Küche wirkt nur eine einzige, manchmal unkundige, Person. Die Mutter des Hauses kassiert, alle anderen können nicht rechnen. Aber es ist billig, und Amerikaner lassen hier ihre vom Flug mitgebrachten Zeitungen liegen. -

Die totale Alternative ist ein indisches Restaurant, das hinter den Toren eines Ashrams liegt. Zwei kahle Räume, neonbeleuchtet, internationales Plastikgestühl. Vor dem Essen wäscht man sich in einem kleinen Eckwaschbecken die Hände, denn mit genau diesen isst man jetzt. Es gibt kein Besteck. Auch Linkshänder benutzen nur die rechte Hand, denn mit der linken wird grundsätzlich das "Geschäft" abgewischt, das ist das böse Händchen. (Klopapier gibt es nicht.) Also, wir essen mit Rechts. Das ist besonders schwierig, bei den Speisen, die hier serviert werden. Es handelt sich um Reisfladen und gerollte Reispfannkuchen, die gelegentlich matschig gefüllt sind und mit Saucen serviert werden. Wenn man nur die rechte Hand zur Verfügung hat, ist das Zerrupfen der Pfannkuchen eine ganz eigene Geschicklichkeitsprüfung. Man zupft und schüttelt und wedelt und wirft und liegt mit dem Mund fast auf dem Teller, um wenigstens mit den Zähnen einen Fetzen abreissen zu können. Mit anderen Worten: Man ist schnell satt. Kostet auch nicht viel: 20 Rupien kostet der Pfannkuchen, also 80 Pfennig. Man isst schnell und verlässt das Lokal sofort wieder. Westler, die gemütlich an Tischen sitzen und palavern wollen, werden ungern gesehen. -

Die einzige Zuflucht (und Karls abendlicher Stammtisch mit zwanzig Devotees) ist das German Restaurant. Ein Schwede namens Gustaffson hat es vor einem oder zwei Jahren eröffnet - unter Widerständen des Ashrams. Dort fürchtet man eine Touristisierung und Verflachung der Gegend. Aber die ist nicht mehr aufzuhalten. Und es ist gut, dass es das German Restaurant gibt. Es gibt vorwiegend italienisches Essen. Viele Küchenmädchen backen Pizza und Lasagne, kochen Spaghetti, auch Gemüse, Reis, Omelettes. In der ganzen Gegend gibt es nur vegetarische Speisen. Tamilen sind Vegetarier. Abends ist dieses Restaurant voll mit Westlern. Das Haus ist eigentlich nur eine zwanzig Meter lange offene Terrasse ist, die mit Palmstroh überdacht ist und auch zur brüllend lauten Hauptstrasse hin nur mit einer Palmstrohwand abgegrenzt ist. Vor dem Eingang lagern Bettler, oft Sadhus - orange gekleidete Wandermönche - aber auch Rentner ohne Sozialversicherung. Denn es gibt hier keine Absicherung. Übrigens auch keine Unfallversicherung. Wer vor dem German Restaurant unvorsichtig die Strasse überquert, wird nie einen Penny von dem Fahrer bekommen, der ihn umnietet. In schweren Fällen fliehen deshalb die Busfahrer, wenn sie eine Kuh oder einen Menschen getroffen haben: denn der fällt als Ernährer jetzt aus, und der Familie bleibt nichts als den Fahrer zu lynchen.

Aber davon bekommen wir Westler hinter unserer Palmstrohwand nichts mit. Inder trauen sich nicht in dieses Lokal, höchstens kleine Jungs, die Blumen verkaufen. Wir essen morgens hier unseren Obstsalat, trinken Lassi, und Christian ist den Kuchen verfallen, die grundsätzlich mit Schokoladensauce serviert werden. Wer sitzt im Lokal? Leute zwischen vierzig und sechzig. Viele mit Osho-Vergangenheit, einige, die noch betagter sind, sogar mit Hippie-Vergangenheit. Manche, Amerikaner, Australier, Deutsche, leben hier sogar. Nicht immer, aber doch in unseren Wintermonaten, die hier sommerlich sind. Aber die meisten sind Durchreisende, die maximal vier Wochen bleiben, und dann zur Erholung nach Pondicherry (an der Ostküste) und Goa (an der Westküste) reisen. Denn ein Erholungsort ist Tiruvannamalai nicht.

Es sind also erfahrene spirituelle Sucher, die den Ramana Ashram als Ort letztgültiger Weisheit ansehen und die beim Abendessen die ausschweifenden Irrtümer ihrer spirituellen Biographien austauschen. Und das alles ohne Alkohol! Man sichtet mal ein gekühltes Bier im Kühlschrank eins versifften Supermarktes (zwei Quadratmeter Stellfläche mit Öffnung zur Strasse), aber in Restaurants wird so etwas nicht ausgeschenkt. Trotzdem, behauptet Karl übertreibend, gibt es hier viele Alkoholiker, weil der Rum so billig ist. Öffentlich kriegt man ihn allerdings nicht.

Diese drei Restaurants sind die einzigen Anlaufpunkte und die einzige Überlebens-Möglichkeit für westliche Verdauungstrakte. Wer jemanden sucht, findet ihn fast immer im German Restaurant.

Mückenumschwärmt, von einem Deckenventilator befächelt grüßen Claudia und Dietmar


Religion

Tiruvannamalai ist durchsetzt von kleinen Ashrams und sonderbaren Tempeln. Gleich an der Hauptstrasse steht eine mit bunten Figuren besetzte Säulenhalle, in welcher der Göttin Kali gehuldigt wird. Drinnen stehen Heiligenbilder, die rot, gelb, grün blinken wie ein Automat in der Spielothek. Davor steht eine verkohlter Opferstein. Ein Priester ist den ganzen Tag damit beschäftigt, Rikshas, Autos, Busse und jede Art von Fuhrwerken zu weihen. Dazu müssen vor jeden Reifen brennende Zitronenhälften platziert werden, die das Auto dann platt fahren muss. Der Priester hat außerdem einen großen Kürbis, dessen Spitze dank Ghee (Butterfett) brennt und geht damit um das Auto herum und in den Innenraum. Dann kann eigentlich nichts mehr passieren.

Zahlreiche Gurus, deren Namen man nicht behält haben große Bauten, einige halbfertig, andere so groß wie die Color Line Arena, in denen vermutlich meditiert und gesungen wird, jedenfalls, wenn der Guru zu Besuch ist. Nächste Woche ist ein berühmter Guru mit tausende Frauen im Gefolge angesagt. Dann werden wir nicht mehr da sein.

Die Strassen werden bevölkert von orange gewandeten Sadhus, viele mit drei weissen Querstriche über der Stirn, die ihre Zugehörigkeit zur Brahmanen-Kaste garantieren. (Unberührbare, das Gegenteil, gibt es auch; sie räumen einmal in der Woche barfuß und frohgelaunt den Müll aus den Flüsschen und von den Strassenecken und schaufeln ihn auf einen LKW, denn Mülltonnen gibt es nicht. Man wirft Müll auf die Strasse oder auf die Wiese, darunter unendlich viele Plastiktüten und Plastikflaschen.) Die Sadhus haben ihren Wanderstock, gelegentlich einen Dreizack, einen Beutel und sind in der Regel jenseits der vierzig. Die Familiengründung haben sie hinter sich, jetzt leben sie als Wandermönche. Einige betteln, andere schreiten würdig an einem vorbei.

Die bettelnden Sadhus sitzen in Hauseingängen oder vor Restaurants und teilen ihr Terrain mit den unzählbaren anderen Bettlern, die teilweise sehr nahe kommen oder sehr lange hinter einem herlaufen, alle mit dem gleichen leidvollen Blick. Alte Frauen sind dabei, sogar alte Ehepaare; es wirkt so, als sei Betteln die Beschäftigung im fortgeschrittenen Alter. Es gibt eigentlich keine Strasse ohne Bettler. Selbst in abgelegenen stillen Strassen sitzen sie in Einfahrten oder liegen vor Grundstücksmauern und wachen auf, wenn ein Westler naht. Tatsächlich scheinen sie dort zu leben. Sogar an der lebensgefährlich befahrenen Hauptstrasse leben und schlafen sie, gleich neben der Fahrbahn im Sand. Wir sahen ein altes Ehepaar, jenseits der siebzig, das sich zur Nacht eine Campingliege teilt, während die Busse vorbeibrüllen. Das ist der Lebensabend hier.

All das findet intensiviert in dem Bezirk statt, wo der Ramana Ashram liegt. Denn hierher kommen Pilger und westliche Besucher.


Die westlichen Gurus

Mitte Dezember bis Ende Januar ist die Hauptsaison in Tiruvannamalai. Dann sind zahllose westliche Lehrer hier. Mira war gerade abgereist als wir kamen. Rani war noch da. Madhukar angekündigt. Und Karl hat eine große Zahl von Anhängern um sich versammelt. Wo immer er auftaucht, folgt ihm eine Schar weißhäutiger Sucher, die - je länger sie hier sind - immer grotesker indisch gekleidet sind. Die Männer laufen nach zehn Tagen in langen Bettlaken herum, die Frauen wickeln sich in Saris. Karl hält abends im German Restaurant Hof. Seine Talks finden statt auf dem Dach eines Hauses, in dessen Erdegeschoss man essen kann. Es heißt Ragini House. Das Flachdach ist von einer Mauer umgeben, darüber schützt ein Dach aus Palmwedeln vor zuviel Sonne. Karl spricht englisch - mit dem gleichen Witz wie auf Deutsch. Verschmitzt lächeln bläst er den Seekers aus den westlichen Ländern den Verstand aus den Köpfen. Etwa siebzig Zuhörer sitzen dicht gedrängt und spenden anschließend nach indischem Maßstab: hundert Rupien (zwei Euro) bekommt ein Satsanglehrer hier. Das reicht für ein Mittagessen. Karl begeistert die Leute. Selbst die Israelis können über seine KZ-Scherze lachen. Seine Sätze endet er meist mit "That's all". Als ein siebzigjähriger Südafrikaner lange und ernsthaft Aussagen von Ramana zitiert und daran eine Frage knüpft, antwortet Karl kurz und fröhlich: "I don't care!" Am letzten Tag seiner Talks fragt ihn ein Hörer aus Thailand: "Ich habe dir all die Tage zugehört, und ich muss dir sagen: It is too dry! The heart needs moisture to open up!" Auf sowas reagiert Karl immer heftig. Das mag er nicht, wenn jemand "mehr Herz" fordert. "Wenn du ein offenes Herz willst, geh zum Chirurgen!"

Aber nun sitzt da einer, der das bietet, was einigen Suchern bei Karl fehlt: Herz, Mitgefühl, Stille. Und das ist Torsten. Nachdem Karl abgereist ist (1. Februar) hat er den Platz auf dem Dach eingenommen. Bis dahin fanden seine Satsangs exklusiv für uns in seinem Zimmer statt. Das war auch nicht schlecht. Denn bekanntlich spricht er mit sanfter leiser Stimme. Im Zimmer geht das. Auf dem Dach unterm Palmstroh, mit vorbeiknatternden Mopeds und Händlergeschrei und Wäscheschlagen und Hundegebell, verwehen seine Worte. Wir haben große Zettel ausgehängt in den von Westlern besuchten Locations, dass er Englisch spricht, und tatsächlich kommen jetzt außer uns noch zehn oder zwölf andere Zuhörer. Das ist erfrischend, denn sie stellen andere Fragen als das Stammpublikum; Torsten wird neu gefordert, und das tut allen gut. Ein Mann mit Gitarre ist aufgetaucht, so dass wir auch singen können - dergleichen moisture gab's ja bei Karl nicht.

Die Satsangs finden vormittags statt, von 10:30-12 Uhr. Danach geht ein großer Teil der Gemeinde im Erdgeschoss bei Ragini essen. Jeder bekommt eine große Blechschüssel, in der ein Häufchen Reis neben einem Häufchen Gemüse neben einem Häufchen Mungo-Bohnen neben einem Häufchen undurchschaubaren Chutneys angeordnet sind, dazu geht ein Blechtopf mit scharfer Sauce herum. Hier sehen wir Torsten jeden Tag zum letzten Mal. Von da an geht er seine eigenen Wege. Es kann sein, dass man ihn in einem der Restaurants trifft, oder dass man in dem langgestreckten Raum sitzt, in dem Ramana leerte, und dass Torsten hereinkommt, eine Niederwerfung vollführt und sich dann still hinsetzt.


Ramana Ashram

In den ersten Tagen hatten wir noch ein volles Programm. Gleich am Tag nach der Ankunft führte er uns in der Mittagshitze den Berg hinauf, nicht ganz hinauf, aber immerhin auf halbe Höhe, wo der "Skanda Ashram" steht, Ramanas gut ausgebaute Höhle (die zweite und komfortablere, die er bezog), sein letzter Aufenthaltsort am Berg, bevor am Fuß der große Ashram gebaut wurde. Man klettert einen Geröllpfad hinauf und trifft alle paar hundert Meter auf einen Souvenirstand. Specksteinschnitzer bieten Ganeesha- und Shiva-Skulpturen an und Kugeln mit Om-Zeichen und Shiva-Lingams. Im übrigen rasten Sadhus am Weg, die freundlich grüßen und die Hand ausstrecken. Ein Sadhu schenkte uns ein Ramana-Bildchen. Wir griffen um die Tasche, um ihm etwas dafür zu spenden, worauf er erklärte: "No coins, please!" Er nahm nur Scheine. Torsten unterhielt sich mit ihm, worauf der Sadhu ihm seine e-mail-Adresse gab. Die Wandermönche sind möglicherweise auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Wenn man ausgeschwitzt und durchgeglüht den Skanda Ashram erreicht, begrüßen einen hohe grüne Bäume und ein kleiner Quellbach, der vom Berg herunterkommt. Es ist eine Oase. Eine Eremiten-Idylle wie von Spitzweg gemalt. Ein kleiner Raum ist der Mutter Ramanas geweiht, die hier oben starb. (Ihr Grab befindet sich im Hauptashram am Fuß des Berges). Ein größerer Raum, niedrig, fünfzehn Quadratmeter, ist einmal Ramanas Wohn- und Schlafzimmer gewesen. Das Refugium ist aus Stein an den Berg gebaut, das Granitgestein des Berges bildet die Rückwand. Hier gab es also das ganze Jahr über Quellwasser, Nahrungsmittel bekam Ramana von Devotees; denn als er in dieser Höhle wohnte (sieben Jahre lang), war er bereits berühmt. Von der kleinen Terrasse aus geht der Blick weit über Tiruvannamalai mit dem größten mittelalterlichen Tempel in die Ebene nach Osten; zum Sonnenaufgang, zum Meer hin, das allerdings hundert Kilometer entfernt ist.

Hier in dem Raum Ramamans, über dessen Tür eine Swastika-Fliese hängt (zu Deutsch Hakenkreuz) meditierten wir also am Tag nach der Ankunft; und es war eine wundervolle Stille.

Wer von hier zur Ostseite des Berges absteigt (der Ashram liegt im Süden), findet mit ein bisschen Glück die erste Höhle, die Ramana bezog, als er siebzehnjährig zum Arunachala kam. Wir haben sie noch nicht gefunden.

Dafür sind wir jeden Tag im grossen Ashram. Man betritt ihn durch ein Spalier von Bettlern und ein Tor, das direkt an der Hauptstrasse liegt. Der Verkehrslärm ist gedämpft noch in der großen Halle zu hören, übertönt nur von den Schreien der Pfauen, die halbzahm auf dem Ashramgelände leben. Das gesamte von einer Mauer eingefasste (und ab neun abends verschlossene) Gelände mag zwei Hektar groß sein; das bebaute Areal ist so groß wie ein Fussballplatz. Für uns sind drei aneinander gebaute Tempel interessant: der "Mahasamadhi" der Mutter; also der Tempel, der für ihre Asche erbaut worden ist. Dann die große Meditationshalle, fünfzig Meter lang, zwanzig Meter breit, mit dem Tempel für Ramanas Asche und mit einer Skulptur von ihm an der Stirnseite. Und schließlich der anziehendste Raum: sein Wohnzimmer, zugleich sein Satsangraum.

In der Schilderung von Paul Brunton aus den dreißiger Jahren ist dieser Raum nach zwei Seiten offen. Inzwischen ist er vollkommen geschlossen und mit polierten Granitplatten gefliest, die blitzsauber sind. Eines der alten Fenster grenzt nun an den Tempel und ist nach dahin offen, so dass die Litaneien von dort in diesen vollkommen stillen Raum hinüberklingen. Hier sitzen Inder und Westler auf Kissen oder auf dem Boden und meditieren oder sitzen in Stille und Ehrerbietung vor dem grossen Sofa, auf dem einst Ramana saß und später lag. Ein grosses Ölgemälde steht nun auf dem Sofa und zeigt Ramana lebensgroß, wie er auf eben diesem Sofa halb sitzend lag. Er sieht den Betrachter an. Und zwar jeden Betrachter, denn das Bild ist so gemalt, dass die Augen jeden verfolgen. Hierher führte Torsten uns gleich am Nachmittag unserer Ankunft. Hier zu sitzen, nach der strapaziösen Reise, war ein Samadhi.


Erleuchtung

Ein Besucher kommt zu Ramana: "Ich habe am Berghang einen kraftvollen Platz gefunden; an dem habe ich mehrere Stunden in unvergleichlicher Stille gesessen. Der Arunachala ist ein wunderbarer Ort." Ramana: "Wenn du eine Stunde länger dort gesessen hättest, wäre die Stille vorbei gewesen. Der Frieden, den du suchst, ist an keinem Ort zu finden. Bringe den Verstand zur Ruhe, und du wirst das Paradies sogar in der Hölle finden."

So ist es. Oder so ähnlich. Wenn der Arunachala der wunderbare Ort wäre, zu dem er mythisiert wird, wären hier alle erleuchtet. "Alles nutzt sich ab", sagt Brigitte aus langer Erfahrung. Und das gilt auch für die schönsten Plätze hier. Zum zweiten Mal hinaufzusteigen zu Ramanas Wohnhöhle ist nicht mehr ganz so verzaubernd wie beim ersten Mal. Genauso ist es mit Ramanas Satsangraum, in dem fünfzig Leute bequem Platz haben, jener Raum mit seinem Sofa, der "the old hall" genannt wird (im Gegensatz zur angebauten riesigen Samadhi Hall): dieser stille Raum ist beim zweiten Mal nicht mehr so kraftspendend wie beim ersten Besuch. Als wir das erste Mal dort sassen, fühlte Claudia sich von den Bodenfliesen magisch aufgeladen, ja erhoben, und Dietmar sank in eine Demut, in der es außer Einfachheit nichts mehr gab.

"Wenn du eine Stunde länger dort gesessen hättest, wäre die Stille vorbei gewesen." Solche Erfahrungen vergehen. Schon dass man hofft, sie wieder zu machen, ist ein gutes Gegenmittel. Der Zauber der ersten Begegnung lässt sich nicht wiederholen. Nur für Torsten. Als wir darüber sprachen, dass es niemals einen Vorteil gibt (sagt Karl gern; erst zu sehen, dass es keinen Vorteil und keinen Nachteil gibt, ist ein Vorteil), sagte Torsten: "Es gibt nur einen Vorteil, und der ist Jetzt."

Wer die Zeremonien im Tempel ein paarmal gesehen hat - Zeremonien, mit denen Ramana in den weiten Bauch des Hinduismus aufgenommen ist, als Heiliger, genau wie die Kirche jeden Direkterfahrenden in den Reigen ihrer Heiligen eingereiht hat - wer immer mal wieder das Allerheiligste mit Ramanas Asche umrundet hat wie die Moslems die Kaaba umrunden, immer im Uhrzeigersinn; wer häufiger Energie abgezapft hat an dem energetischen Kraftpunkt im Rücken von Ramanas Statue in der Samadhi Hall oder wer an verschiedenen Plätzen in der Old Hall gesessen hat, auf den nackten Fliesen oder auf einem der ausliegenden Kissen oder auf einem mitgebrachten Flickenteppich, und wer dabei in Ramanas Gesicht geschaut hat, wie es auf dem Ölgemälde auf dem Sofa fast lebensgroß dargestellt ist; wer obendrein noch mittags im Ashram gegessen hat, bedient von Brahmanen, die sonst an Ramanas Urne die Litaneien absingen und Blumenblätter streuen; wer überdies noch den Berg umschritten hat in drei Stunden auf einem steinigen Pfad - wer all das gemacht hat, der hat alles gemacht, was hier zu machen ist und ist ein armer Tor und genauso still und weise wie zuvor.

Die hippiehafte Community, die sich hier versammelt, weil die Erleuchtung hier schneller oder direkter und jedenfalls direkt von der Quelle zu haben ist, findet sich in der Erkenntnis wieder, dass "der Frieden, den du suchst, an keinem Ort zu finden ist". Auch hier nicht. Oder hier genauso wie in Hamburg-Horn (mit der kaabahaften Möglichkeit, immer wieder den Horner Kreisel zu umfahren). "Leider verlassen wir bald den Arunachala und fahren zurück nach Israel", seufzte eine Besucherin bei Karl. "Wo ist denn der Arunachala?", fragte Karl. "Wo ist Israel? Das gibt's beides nicht."

Natürlich gehen wir weiterhin und bis zum letzten Tag in den Ashram. Viel anderes gibt es auch gar nicht. Was macht man nur, wenn man hier länger ist? Die Leute hängen in den drei oder vier für Westmägen verdaulichen Cafes. Leihen sich Fahrräder und radeln ein paar Kilometer die Landstrasse stadtauswärts und wieder zurück. Gehen in den Internetshop und lesen die Online-Version ihrer Heimatzeitung. Bei dreißig bis vierzig Grad ist meditatives Sitzen gar nicht so einfach.

Karl ist mit seiner Truppe nach den ersten vierzehn Tagen für eine Woche nach Pondicherry gefahren, in ein schnuckeliges Hotel am Meer. Wir wandern durch Dorfstrassen und ein wenig in die Stadt, die nicht mehr ganz so fremd ist wie am Anfang. Schön ist, dass die Leute sich schon freuen, wenn man sie nur grüßt oder winkt. Ein oder zwei Weißhäutige im Strassenbild sind - abseits der Ashram-Enklave - offensichtlich ungewöhnlich, ein kleiner Event.

Heute waren wir ganz tief in der Stadt, da wo sie ihren Ursprung hat, am grossen Tempel. Das ist eine Anlage wie man sich Salomons Tempel in Jerusalem vorzustellen hat. Ungefähr so groß wie das Heiligengeistfeld und genauso bunt, wie wenn dort Dom ist. Der Tempel ist von einer zehn Meter hohen Mauer umgeben und hat je ein hoch überbautes Tor nach jeder Himmelsrichtung. Drinnen finden sich zwei große Wasserbecken und jede Menge kleinere Tempel für all die Götter oder Heiligen, die der Hinduismus im Laufe der Jahrtausende aufgesammelt hat. Die Tempel sehen aus wie die Karussells oder Geisterbahnen auf unseren Jahrmärkten, so bunt und figurenreich, mit holden Kitschengeln und gruseligen Monstern geschmückt. Drinnen brennt eine Flamme oder gibt es Asche und rotes Pulver zum Betupfen der Stirn. Oder gegen zwanzig Rupien (achtzig Pfennig) wird etwas ganz besonders Heiliges gezeigt (eine Flamme, ein besonderer Stein, ein Heiligenbild, ein Knochen). Es gibt einen Elefanten, der einem für schlappe fünf Rupien drei Sekunden lang den Rüssel auf den Kopf legt: "the blessing elephant". Und viele Quader, die man im Uhrzeigersinn umschreitet, immer wieder, damit das Leben schön wird.

Es ist nicht die schlechteste Idee, am Montag Hitze, Moskitos, Lärm, Gestank, Bettler und Müll zurückzulassen und Ramanas kleinem Pointer zu folgen, dass es auf den Ort nicht ankommt. Wir haben zwei Tage in Schockstarre verbracht, dann zwei Tage in Euphorie, dann waren wir wieder ziemlich die, die wir schon vorher gewesen waren. Nur eben an einem etwas anderen Urlaubsort.


Rückkehr

Vermutlich haben wir uns gleich bei der Ankunft in Hamburg erkältet. Dieser Temperatursturz um dreißig bis vierzig Grad verblüfft den Körper dann doch. Dazu kommt der Schlafentzug. Vor der Abreise haben wir nicht mehr geschlafen. Weckerklingeln um vier. Taxi um vier Uhr dreißig. Die erste Stunde rast der Fahrer einsam durch die Dunkelheit und überholt ein paar unbeleuchtete Ochsenkarren. (Pferde gibt's nicht.) Hupt natürlich dauernd. Könnte ja sein, dass jemand es hört. Völlig unberechtigt ist das Gelärme auch nicht, denn kein Gefährt in Indien besitzt Rücklichter. Die Fahrt durchs langsam erwachende dunkle Land ist ganz angenehm - bis die große Süd-Nord-Achse nach Madras (auch Chennai genannt) erreicht ist. Dann wird es haarsträubend. Da sind morgens jede Menge LKWs unterwegs, die unbedingt von ihresgleichen und von Autos um Haaresbreite überholt werden müssen. Von der Gegenseite kommen ähnliche ehrgeizige Taxis, Busse und Tieflader. Ich habe zur Seite aus dem Fenster gesehen in den mageren Streifen Sonnenaufgang. Nach vorne blickend hat man die Tendenz, die Zusammenprallwahrscheinlichkeit beim Überholen zu berechnen. Diese rein gedankliche Tätigkeit ist in Indien eher ungünstig.

Der Rückflug ist von der Flugzeit her länger (nach Westen herrscht auf der Nordhalbkugel immer Gegenwind), aber man hat schnellere Anschlüsse. Auf 24 Stunden von Haus zu Haus kommt man in jedem Fall. In Dubai kann man gleich zum Abflugschalter wandern; dort konnten wir noch auf Fensterplätze für alle umbuchen, denn die Maschine nach Frankfurt war nicht voll. Und der Blick auf die arabische Wüsten und iranischen Gebirge und kaspischen Meere ist erleuchtend. Der Flug nach Dubai dauert gute vier Stunden, derjenige nach Frankfurt dann fast acht, bei gutem Essen und ödem Filmprogramm. Wenn man im Abendlicht in Deutschland einschwebt, sieht man, dass auf den Feldern noch Schnee liegt. Das befremdet.

Man landet um sechs abends in Frankfurt; der nächste Zug, den man nach Passkontrolle und Gepäckausgabe erreichen kann, fährt um acht aus Frankfurt weg, er ist zugleich der letzte des Tages, der Hamburg noch erreicht. Wir fanden diese Zugfahrt durchs Dunkel den bittersten Teil der Reise. Vorher war noch ein Kitzel des Neuen da. In der Bahn ist die Luft raus. Man hat keine Lust mehr, hängt schief im Sessel und muss Fulda, Kassel, Göttingen über sich ergehen lassen, Eiseskälte in Hannover, der Anschlusszug verspätet, langer Halt in Harburg... man kann nicht mehr sitzen. Was haben wir gesessen! Beim Singen, beim Essen, auf ungefederten Fahrradsatteln, krachenden Autositzen, engen Rikschabänken, die ganze Zeit im Flugzeug, und natürlich sind uns schon beim ewige Sitzen im Ashram und beim Satsang die Arschbacken abhanden gekommen!

Aber jetzt gibt es eine echte Dusche, ein Bett mit Matratze, ein Zimmer ohne Moskitos, das flächendeckende Einschmieren mit Autan ist überflüssig, und die Kanalisation funktioniert. Nur unseren Müll, den schütten wir von jetzt an immer aus dem Fenster aufs Nachbargrundstück, das fanden wir gut, wie das in Indien klappt!

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