Die Erleuchteten kommen © Dietmar Bittrich Christian Salvesen 2002
Satsang ist die preisgünstigste Art, Seelenfrieden zu bekommen. Es gibt keine Voraussetzungen, keine Verpflichtungen, keine Rituale. Man muss kein Wort sagen. Nichts unterschreiben. Man muss seine Adresse nicht hinterlassen, muss niemanden verehren, muss kein Gebet, keine Lehre, keinen Glaubenssatz übernehmen. Im Gegenteil. In der Stille, die in jedem Teilnehmer lebendig wird, verblassen alle Lehren, alle Glaubenssätze.

Satsang heißt: Zusammensein mit einem Weisen. Oder gar mit einem "Erleuchteten". Das Wort kommt aus dem Indischen. Vor ein paar Jahrzehnten oder Jahrtausenden hat ein weiser Inder mal damit angefangen. Aber es geht nicht indisch zu bei einem Satsang. Schon deshalb nicht, weil die Erleuchteten neuerdings Westler sind. Sie heißen nicht "Guru" oder "Maharishi". Sie heißen Artur oder Torsten oder Karl. Ja, es gibt seit einiger Zeit sogar deutsche Erleuchtete. Unglaublich. Und von Jahr zu Jahr werden es mehr. Ganz normale berufstätige Leute erleben das, was der Buddha "das Ende allen Leidens" nannte.

Das Ende allein Leidens? Her damit! Wie kommt man da ran?
...Vor kurzem hatte ich einen ziemlich großen Bucherfolg: "Das Gummibärchen Orakel". Es hat sich ungefähr dreihunderttausend Mal verkauft. Ich bin damit häufig im Fernsehen aufgetreten. Ich habe Geld verdient. Immerhin so viel, dass ich sicher sagen kann: Weder Geld noch die Bewunderung anderer tragen irgend etwas zum Glück bei. Sie haben überhaupt nichts damit zu tun.

Dann passierte mir etwas Entscheidendes. Ich wurde überfallen. Und zwar in Budapest, unter der Donau, nämlich in der U-Bahn, zwischen zwei Stationen. Eine Schar von Kindern, Jungen und erwachsenen Männern nebst einer dicken Frau umringte mich. Ein Mann schlug mir auf den Kopf, ein anderer würgte meinen Hals, die jüngeren leerten unterdessen meine Taschen. Es war so rüde und ging so schnell, dass ich dabei nicht denken konnte. Erst als es vorüber war, bekam ich Angst.

Diese Angst blieb. Eine Art Depression hielt mich in den folgenen Monaten im Griff. Für einen Moment hatte ich gespürt, dass ich sterben würde. Und dass ich überall und zu jedem Zeitpunkt bedroht war. Das war mir bislang allenfalls verstandesmäßig klar gewesen. Deshalb hatte ich den Gedanken an ein Weiterleben nach dem Tod oder an Reinkarnation anziehend gefunden. Jetzt merkte ich, dass so ein Gedanke in der entscheidenden Konfrontation nicht den geringsten Trost spendet. Es war eben nur ein Gedanke gewesen. Jetzt hatte ich meine Sterblichkeit mit jeder Faser gespürt. Da war nichts von mir geblieben.

Gibt es etwas, das sich nicht verletzen oder töten lässt? Gibt es etwas, das unberührt bleibt von allem was außen abläuft? Etwas, das nicht überfallen werden kann? Das immer bleibt? Das Halt bietet noch in den extremsten Situationen? Wenn es so etwas gab, hatte ich jedenfalls nichts davon gemerkt. Ich wollte es merken. Ich wollte etwas in mir finden, was sich nicht würgen und in Verzweiflung stürzen lässt.

Eine Körperpsychotherapie half. Seminare bei einem amerikanischen Indianer namens Art Reade wirkten Wunder. Am letzten Seminartag sagte ein Teilnehmer: "Übrigens ist gerade ein Erleuchteter in der Stadt, Isaac. Ich war da, und es lohnt sich wirklich." Ein Erleuchteter? Ich wollte immer schon mal einen Erleuchteten sehen.

Von diesem Typen namens Isaac mussten andere auch schon gehört haben. Der Gemeindesaal, in dem er auftreten sollte, war voll. Voll mit Leuten, die man auch in einem Eso-Laden oder Öko-Markt hätte treffen können. In einer Trendboutique oder im Mediencafé eher nicht. Die meisten waren zwischen dreißig und fünfzig, und etwa zwei Drittel waren Frauen. Ein Baby krähte, ein zweites wurde gerade gestillt, ein Hund schlief. In der Nähe der erhöhten Bühne spielten einige Mädchen Gitarre und sangen mit sonniger Miene. Dies war das New Age.

Auf der Bühne zwei Wartezimmersessel aus Alu und Kunstleder, mit weißen Decken drapiert, vor jedem ein Mikrofon. Vor dem einen würde der Erleuchtete setzen. Das andere Mikrofon war wohl Fragestellern vorbehalten. Man musste also auf die Bühne klettern und sich zeigen, wenn man dem Meister nahe kommen wollte. Die Rohbeton-Rückwand war von Stellwänden verdeckt, dahinter hing vermutlich ein Kreuz. Zwei große gerahmte Fotos waren aufgestellt. Auf dem einem erkannte ich Ramana Maharshi, einen indischen Weisen aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Von dem hatte ich etwas gelesen. Auf dem anderen grinste ein ebenso betagter indischer Lehrer, den ich nicht kannte. Ahnenfotos bürgen für Tradition und Qualität.

Dann kam der Erleuchtete. Genau genommen wurde er nirgends als erleuchtet bezeichnet, weder auf den Plakaten noch auf den Handzetteln, die seine Tourneedaten auflisteten. Da hieß es immer nur "Satsang mit Isaac". Hier las ich das Wort zum ersten Mal. Und nun trat er ein. Nicht von vorn durch eine Bühnentür wie der hochbezahlte Motivationstrainer, den ich kurz zuvor im Kongresszentrum gesehen hatte. Sondern wie alle anderen durch den Saaleingang. Er sah auch aus wie alle anderen.

Man musste zweimal hinsehen. Ich hatte noch Maharishi Mahesh Yogi erlebt, der weiß gewandet und mit Blumen bekränzt nebst angeborenem Heiligenschein auf die Podien wallte. Bhagwan alias Osho war als spiritueller Star aufgetreten. Den Dalai Lama und alle tibetischen Rinpoches erkannte man auf den ersten Blick als etwas Besonderes.

Diesen Mann hier nicht. Isaac Shapiro, Mitte dreißig, trottete wie ein freundlicher Teddybär nach vorn. Er hätte auch ein bewegungsarmer Computerexperte sein können. Er trug ein Sweatshirt überm Bauch und schlürfte Kaffee aus einem Plastikbecher. Wenn er sich nicht aufs Podium begeben hätte, und zwar schwerfällig, wäre er niemandem aufgefallen.

Oben legte er zum Gruß die Hände zusammen. Dann sank er auf seinen Freischwinger; der weiße Behang verrutschte. Der Mann schloss keineswegs die Augen, um zwanzig Minuten zu meditieren. Er sah sich das Publikum an. Das Publikum sah ihn an. Dann fragte er: "Ist jemand zum ersten Mal beim Satsang?" Er sprach Amerikanisch; jemand in der ersten Reihe übersetzte jeden Satz. Einige charakterfeste Leute meldeten sich. Er sagte etwas wie "Satsang heißt einfach: Zusammensein in Wahrheit. Wir können sehen, was wirklich ist, jetzt, hier. Der Verstand kann zur Ruhe kommen."

Unmittelbar vor mir saß ein Mann, der sich bereits auf die vollkommene Ruhe vorbereitete. Seine Beine hatte er zum Meditationssitz verknotet. Jetzt richtete er noch seine Wirbelsäule so vorschriftsmäßig auf, dass ich mich arg zur Seite beugen musste, um noch etwas zu erkennen.

Eine Frau erklomm die Bühne und setzte sich in den freien Sessel. Sie schien aufgeregt. Sie atmete schnell und heftig und bemühte sich um ein Lächeln, während sie den Mann ansah, der da seelenruhig in seinem Sessel saß. Wenn er nicht erleuchtet war oder im buddhistischen Sinne erwacht, dann war er immerhin ein gemütlicher Teddybär. Ihr Lächeln verschwand langsam. Sie atmete langsamer. Und sah ihm immer in die Augen. So blieb das erstmal. Er sah ihr in die Augen oder ließ sich in die Augen sehen. Und die Leute im Saal sahen den beiden zu, wie sie einander in die Augen sahen. Mehr geschah nicht. Normalerweise fanden in diesem Raum Bibellesungen, Solidaritätsveranstaltungen und Podiumsdiskussionen statt. Jetzt zur Abwechslung mal gar nichts.

Endlich sagte die Frau: "Ich habe Angst."

Der Teddybär klappte zur Bestätigung seine Augenlider herunter.

Sie sagte: "Beinahe immer. Ich habe auf der Straße Angst, zu Hause, einfach so, im Leben. Ich weiß nicht weshalb."

Er fragte: "Hast du jetzt Angst?"

Sie nickte.

Er sagte: "Gut. Dann gehe jetzt zu dieser Angst. Versuche nicht, sie loszuwerden. Fühle sie nur. Halte sie aus."

Man konnte sehen, wie die Frau etwas versuchte, während sie ihm weiter unablässig in die Augen sah. "Jetzt ist die Angst nicht da", sagte sie schließlich. "Jetzt ist da nichts."

"Ja", sagte er. "Da ist nichts. Aber wenn du versuchst, die Angst loszuwerden, beginnt der Verstand zu rattern. Dann verstrickst du dich. Du versuchst, dir die Angst zu erklären, du erzählst dir eine Geschichte dazu. Das gibt ihr Brennstoff. Halte sie statt dessen einfach aus. So verschwindet sie von selbst. Wir alle laufen weg vor der Angst, unser Leben lang. Irgendwann sagen wir: Ich möchte sehen, wovor ich eigentlich weglaufe. Wenn wir ihr dann begegnen, ohne sie verändern zu wollen, ohne sie weghaben zu wollen, dann löst sie sich auf. Wir sind gewohnt, unangenehme Empfindungen zu analysieren. Einfach Hinsehen ist genug."

Das waren hilfreiche Sätze. Doch sie waren nicht das Entscheidende. Das Entscheidende war augenscheinlich schon vorher geschehen, während die Frau ihn ansah. Es war offensichtlich, dass ihre Angst sich aufgelöst hatte. Ihr Gesicht war aufgehellt. Weil sie sich auf die Bühne getraut hatte? Weil sie es ausgesprochen hatte? Weil der Mann suggestive Fähigkeiten hatte? Sie blieb noch eine Weile sitzen, immer den Blick haltend. Dann bedankte sie sich mit zusammengelegten Händen und stieg von der Bühne. Leicht, beschwingt, als seien alle Probleme nur eingebildet gewesen. Mich beeindruckte das. Vielleicht hatte sie geschmeckt, was Erleuchtung ist. Tatsächlich leuchtete sie jetzt selbst ein bisschen. "So etwas hält nicht vor", flüsterte ich meiner Partnerin zu.

In den anderthalb Stunden des Satsang ging es immer wieder so: Jemand stieg beklommen nach oben und kam nach zehn oder fünfzehn Minuten gelöst und froh wieder herunter.

Zu einem Mann, der mit seiner Partnerschaft unzufrieden war, sagte Isaac: "Keine Beziehung kann dich glücklich machen. Niemanden. Wir lassen uns auf jemanden ein und meinen, dieser andere sei der Ursprung der Liebe. Wir bleiben nicht bei der Quelle der Liebe selbst. Wir projizieren sie auf jemand anderen und haben dann Angst, dass sie uns mit diesem anderen abhanden kommen könnte. Solange wir meinen, etwas von außerhalb mache uns glücklich, versuchen wir es für uns zu sichern. Wir nennen es Liebe, doch es ist Brauchen. Wenn du mehr an der Wahrheit interessiert bist als an deinen Vorstellungen von Beziehungen, dann wird die Beziehung dir helfen aufzuwachen."

So viel geredet wurde selten. Auf die Fragen antwortete Isaac meist mit schlichten Gegenfragen: Was ist jetzt? Wo ist das jetzt? Und auch das nur nach Schweigepausen. Dieses Schweigen, verbunden mit dem Blicktausch, hatte es in sich. Etwas passierte da. Der Mann mochte ein guter Psychologe sein, aber er war kein Hypnotiseur. Er versprühte weder nennenswerten Charme noch Charisma. Trotzdem wirkte etwas, und nach meinem Eindruck auf alle. Obwohl die Stühle unbequem waren, die Luft schlechter im Minutentakt wurde und der Mann vor mir sich hoch und breit machte, sickerten auch in mich Ruhe und Leichtigkeit ein. Als pünktlich nach anderthalb Stunden Schluss war und der Teddybär da vorne sich mit aneinandergelegten Händen verabschiedete, verließ ich den Raum gelassener und heiterer als ich gekommen war. Der Weg hinaus führte an einer offenen Spendenbox vorbei. Fünf bis zehn Euro schienen üblich. Aber niemand stand als Kontrolleur daneben.


Ich war sonderbar heiter. Aber draußen wurde es richtig komisch. Da lagen Zettel aus. Und sie zeugten von einer beginnenden Inflation. "Satsang mit Torsten", "Satsang mit Gertrud". Torsten! Gertrud! Köstlich! Dass indische Weise Satsang halten, mochte würdig und angemessen sein. Dahinter stand eine uralte Tradition. Einen Amerikaner wie Isaac Shapiro, offenbar direkter Schüler eines insichen Meisters, konnte ich akzeptieren. Dass sich nun auch noch Deutsche mit Erleuchtung hervortun wollten, konnte nur peinlich oder komisch sein. Und ja nicht einfach nur Deutsche, sondern gleich auch noch Gertrud und Torsten! Herrlich! Ich erklärte: "Jemand, der Torsten heißt, kann unmöglich erleuchtet sein!" Den Spaß eines Besuchs wollte ich mir jedoch nicht nehmen lassen.

Zehn Tage darauf stieg ich im Univiertel ein paar Betonstufen ins Souterrain eines Gründerzeithauses. Drei Naturheiler teilten sich hier eine Praxis. Keiner hieß Torsten, aber der Zettel "Satsang mit Torsten" klebte an der Tür, die zur Straße hin nur angelehnt war. Sicherheitshalber nahm ich Autoschlüssel und Portemonnaie aus dem Mantel.

In einem Raum von fünfzehn Quadratmetern warteten zwölf Leute. Einige, meist Ältere, saßen auf Stühlen. Andere hockten auf dem Boden, den Rücken an die Wand gelehnt oder, falls sie spät gekommen waren, ohne Lehne auf dem Fußboden. Meditationskissen lagen aus. Für mich blieb nur noch eine einzige Sitzmöglichkeit: auf einem Kissen unmittelbar vor dem freigehaltenen Platz des erleuchteten Torsten. Ein unangenehmer Platz für jemanden, der lieber aus dem Hintergrund beobachtet.

Torsten kam pünktlich um acht aus einer Seitentür...

Weiter in
Dietmar Bittrich, Christian Salvesen: Die Erleuchteten kommen.
Satsang - Antworten auf die wichtigen Fragen des Lebens.
Goldmann Verlag, 284 S., Euro 8,90

Um Satsang kennen zu lernen, geht man einfach hin. Ohne Anmeldung. Aber mit zehn Euro in der Tasche. So viel kostet es.

Empfehlenswerte Links zu Satsang-Lehrern:

Satsang in Hamburg, ziemlich still:
www.satsangmittorsten.de

in Berlin, München, Hamburg, Köln, witzig und verblüffend:
www.karlrenz.com

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www.artursatsang.de

an vielen Orten, lässig und lustig:
www.samarpan.de

in München, Berlin und Hamburg, liebevoll und praxisnah:
www.pyar.de

Links zu den Homepages vieler Satsang-Lehrer:
www.satsang.de

Satsang-Bücher:
www.kamphausen.de

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