| Unverdauliche Landesspezialitäten Es soll Leute geben, die verlangen immer nur Wiener Schnitzel. Die wollen auch auf Reisen partout nur das essen, was sie von zu Hause kennen. Sie lassen sich nicht auf das Fremde ein. Sie probieren niemals die echten, unverfälschten Spezialitäten des Landes. Sie wünschen sich Bratkartoffeln in Marokko, Weißwürste auf Island und Karbonade in Tibet. Solche Leute gibt es. Ich weiß es, denn ich gehöre dazu. Ja, genau, ich will Schnitzel. Oder wenigstens Spaghetti oder Pizza. Es gab Zeiten, in denen habe ich Risikofreudigkeit geheuchelt. Ich habe sie hinter mir. Jetzt verspüre ich keine Lust mehr auf kleingeschnittenen Gummischlauch in schwarzer Suppe, auch wenn das "Pulpo in sua propria tinta" heißt und an bemitleidenswerten Mittelmeerküsten total landestypisch ist. Ich will nicht all die scheußlichen Heringsvarianten des Nordens probieren, schon gar nicht den eingelegten Strömling, mag auch die Marinade von den Wikingern erfunden sein; genauso vergammelt riecht sie auch. Und vor allem lege ich keinen Wert auf all den gekochten Schwartenspeck, die ausgefransten Innereien, die umgedrehten Magenwände, in Streifen geschnittene Kutteln und kleingehackte Lungenflügel und Bregen im ganzen Stück. Denn geben wir es doch zu: Das sind die Landesspezialitäten. Wo immer wir hinkommen und egal, wie exotisch die Namen dafür sind: Die Landesspezialitäten sind immer derb, immer grob, immer bäurisch. Sind Ausschußware. Ihr ursprünglicher Sinn war die Sättigung der Knechte und armen Leute. Knechte gibt es nicht mehr. Die armen Leute sind am Tourismus reich geworden. Was sie nicht mehr essen müssen, dienen sie jetzt den Reisenden an. Die verlangen sogar danach, weil sie das Land ganz echt und unverfälscht und wie ein Einheimischer erleben wollen. Oder sie fallen zumindest darauf herein. Sind Sie etwa nicht reingefallen? Aber klar. Sie haben doch garantiert auch mal Sopa Mallorquina bestellt, so als kleines harmloses Süpplein vorweg. Und dann kam da eine Riesenschüssel voll eingeweichtem Brot und Kohl. Als sie darin herumrührten, haben Sie zu Ihrem Schrecken zottelige Schwabbelstücke entdeckt, die nur aus dem verschlungenen Inneren eines verendeten Borstentiers stammen konnten. Tja, und dann mussten Sie da ran. Niemand zwang Sie. Aber Sie haben die Schüssel keineswegs nach anderthalb Bissen zurückgehen lassen, was dem dringenden Wunsch Ihres Magens entsprochen hätte, sondern Sie waren lieber tapfer oder vielmehr feige. Sie wollten den Wirt nicht beleidigen, der freundlich lächelte und Sie beinahe schon als echtes Mitglied in seine mallorquinischen Großfamilie aufgenommen hatte. Deshalb haben Sie gelöffelt und bei jedem Löffel gedacht: Nie wieder. |
Sehen Sie. So ist es mir auch gegangen. Ich bin mal der Empfehlung eines verlogenen Reiseführers gefolgt und habe in einem feinen Restaurant in der Toskana "Tripa alla fiorentina" bestellt. Ich wusste nicht, worum es sich handelte, und beherrschte zu wenig Italienisch, um es mir erklären zu lassen. Vermutlich hätte ich die Erklärung auch auf Deutsch nicht verstanden. Denn ich habe nie bei einem Schlachtfest zugesehen und weiß deshalb nicht, was übrigbleibt, wenn alle wertvollen Stücke abtransportiert sind. Aber das, was übrigbleibt, das kommt rein in die "Tripa alla fiorentina", das weiß ich jetzt. Ich habe genau das gemacht, was Sie mit Ihrer "Sopa Mallorquina" gemacht haben. Ich habe das Flüssige abgelöffelt, damit es keinesfalls so aussah, als hätte ich nichts gegessen, und habe alles Wabbelige übriggelassen. Und anschließend habe ich genau wie Sie behauptet, es habe einfach phantastisch geschmeckt, nur sei ich so riesige Portionen nicht gewohnt. "Multo bono, aber einfach too much", wie man dankend auf Italienisch sagt. In meiner friedliebenden Offenheit für alles Andersartige habe ich im Jahr darauf in Brügge die Spezialität "Flaamse Hutsepot" bestellt. Ich möchte Ihnen nicht den Appetit verderben. Wenn Sie sich in Kappadokien zu Tisch gesetzt haben, völkerverbindend dem Gastgeber zulächelten und erst nach dem dritten Fleischklops darüber informiert wurden, dass es sich um Hammelhoden handelte, wissen Sie, wie mir zumute war. Nein, es lohnt sich nicht, mutig zu sein. Es zahlt sich nicht aus, um des Weltfriedens willen gebackenes Lämmerhirn und frittierte Gänsefüße zu essen oder die unverdaulichen Bohnengerichte aller unendlichen Bohnenländer dieser Welt. Als Reisende sind wir ohnehin entschuldigt. Unser Körper verweigert den Dienst. Es ist stets das erwärmte Pappmachè auf dem Hinflug, das unseren Organen das Signal gibt, fortan jegliche Verdauungstätigkeit einzustellen. Egal, wieviel Faserstofftabletten wir im Laufe der Reise mit reichlich Wasser hinunterspülen, diese Tätigkeit wird bis zum Rückflug nicht wieder aufgenommen. Es sei denn anfallsartig, wenn wir in Bengalen oder Sri Lanka eine Spezialität probiert haben. Also Schluß damit. Wiener Schnitzel, bitte. Spaghetti, Pizza, ein gut durchgebratenes Steak. Und bloß kein landestypisches Dessert danach! In Dänemark habe ich mal vierzehn Tage lang nach der im Reiseführer gepriesenen, angeblich berühmten Köstlichkeit "Gasebryst" gefahndet. Niemand verstand, was ich wollte. Ich schrieb das Wort auf einen Zettel und hielt ihn allen Kellnern und Konditoren unter die Nase. Keiner kannte "Gasebryst". Bis am Ende jemand darauf kam, einen Kringel über das "a" zu malen und aussprach: "Gohsebryst! Ja, das können Sie haben!" Dann kam ein matschiger Windbeutel. Nein. Nie wieder. Und der ganze honigzuckersirupsüße Klebkram im Süden! Haben Sie sich mal gefragt, warum die Leute jenseits der dreißig da alle so zahnlos lächeln? Eben, eben. Und mal unter uns: Würden wir denn ausländischen Touristen unsere heimischen Spezialitäten zumuten? Labskaus, Buletten, Saumagen, Birnen, Bohnen und Speck? Na, also. Heucheln wir nicht. Beleidigen wir nach Herzenslust unsere Gastgeber. Das ist bekömmlich. Das schmeckt. |