| Tagebuch eines Umwelt-Gutmenschen
Die Klima-Diskussion gibt zahllosen Leuten die Gelegenheit, sich als ökologisch bewusst und moralisch überlegen darzustellen. Egal, was diese Leute sonst tun sie trennen den Müll und sparen Energie, also sind sie über jeden Tadel erhoben. Sie sind die Gutmenschen. Um einen umweltbewussten Gutmenschen zu verstehen, müsste man mindestens einen Tag lang mit ihm zusammenleben. Diese Belastung ist niemandem zuzumuten. Umso dankbarer veröffentlichen wir den folgenden Tageslauf, den ein bescheiden bleibender Gutmensch uns anonym zugesandt hat.
5 Uhr. Das frühe Aufstehen fällt immer noch schwer. Aber wer das natürliche Sonnenlicht nutzt, verbraucht weniger Strom. Meinetwegen brauchen die Polkappen nicht wegzutauen! Noch im Bett neueste Reports von Worldwatch und B.U.N.D. gelesen. Super deprimierend!
6 Uhr. Eiskalte Dusche. Selbstverständlich ohne Duschgel. Und mit möglichst wenig Wasser. Ein nachhaltig bewusster Mensch muss naturnah duften dürfen. Gern auch ein bisschen nach Kompost. Dieses Aroma gibt es zu wenig in unseren denaturierten Städten. Yoga: lieber ausgelassen.
7 Uhr. Fleischesser lassen die Mehlwürmer drin im Getreide, bevor sie es durch die Mühle drehen. Ich sammele die Dinger lieber raus und werfe sie aus dem Fenster, für die Vögel. Komisch, das Müsli schmeckt trotzdem unfrisch. Dabei weiche ich es mit levitiertem Wasser ein, das bei Vollmond abgefüllt wurde.
8 Uhr. Größerer Klogang. Und immer wieder die Gewissensfrage: Spülung betätigen? Oder warten, bis sich mehr angesammelt hat? Greenpeace-Chef Leipold spült nur einmal pro Tag und erledigt kleinere Geschäfte im Garten. Vorbildlich. Findet im Mietshaus bisher leider zu wenig Unterstützung.
9 Uhr. Auspufflärm in der Straße. Nachbar Wilkens wirft seinen alten Opel an. Das Ding hat weder Hybrid-Antrieb noch fährt es mit Rapsöl oder Bio-Gas! Werde ihm mal meine gesammelten Altbatterien in den Briefkasten zu stopfen. Als kleinen Fingerzeig, wohin das alles führt.
10 Uhr. Mein Büro in der Umweltbehörde. Ich formuliere Vorschläge an den Betriebsrat, wie durch Abschaffung unserer Mikrowelle und des Kaffeekochens der Stromverbrauch reduziert werden könnte. Fairtrade-Kaffee habe ich ja schon durchgesetzt. Das Gute daran: Keiner mag ihn.
11 Uhr. Anruf von Mutter. Dabei habe ich sie erst gestern Abend besucht! Ihr Fernseher gehe plötzlich nicht mehr. Ach so, stimmt. Ich habe ja all ihre Standby-Schaltungen stillgelegt. Und ihre Heizung auf 16 Grad runtergedreht. Die dementen Alten tragen zuviel zur Erderwärmung bei.
12 Uhr. Der Chef außer Haus. Da kann ich in Ruhe im Web checken, wie Mutter bestattet werden könnte. Bloß nicht im Sarg! Die Kompostierung würde Jahrzehnte dauern. Das Amalgam aus ihren Zähnen würde ins Grundwasser gelangen, erst recht das Quecksilber aus dem Herzschrittmacher.
13 Uhr. Kantine. Es riecht sonderbar. Wissen Sie eigentlich, frage ich den Koch, woher Ihr Mais kommt? Aus der Dose, sagt er. Meine Güte. Und die Milch, frage ich, wissen Sie, ob die Kühe genmanipuliertes Futter bekommen haben? Er starrt mich an. Hilfloses Opfer der Multis.
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14 Uhr. Ächz. Den Obstsalat hätte ich nicht essen sollen. Fühle mich ausgepowert. Die Südfrüchte enthielten vermutlich Pestizide, vor allem Blei. Jetzt kommen Blähungen, die auspuffmäßig raus wollen. Bleibe aber standhaft, weil das entweichende Gas die Atmosphäre nur weiter anheizen würde.
15 Uhr. Kurzes Nickerchen. Der Elektrosmog im Büro macht müde. Sehe mir im Web die Genmais-Karte von Foodwatch an. Mensch, ganz in der Nähe sind Versuchsfelder! Da gehen wir an meinem Geburtstag mit den Jungs auf Nachttour und machen den Mais platt. Einer muss ja was tun!
16 Uhr. Die Kollegen fiebern dem Fußballspiel heute Abend entgegen. Wisst ihr eigentlich, prüfe ich sie, wieviel Fußballfelder Regenwald pro Minute abgeholzt werden? Nöö, keine Ahnung, mosern sie, Hauptsache, der Rasen ist bespielbar! Faschisten. Ich wette, die fläzen sich zu Hause in Tropenholzsesseln.
17 Uhr. Anruf von Anja. Sie will am Abend kurz reinschauen. Bevor sie kommt, soll ich gründlich lüften. Mein Gott! Ich versuche, die Temperatur in der Wohnung durch meine eigene Körperwärme einigermaßen stabil zu halten. Da kann ich Wind und Zugluft nicht gebrauchen!
18 Uhr. Schock im Bioladen. Sehe ich da herkömmliche Glühbirnen in den Deckenlampen? Die müssen Sie durch Energiesparlampen ersetzen!, belehre ich die Frau an der Kasse. Darf ich Sie zu einem zielgruppenspezifischen Kursus in die Umweltbehörde einladen? Uff. Sie scheint kein Deutsch zu verstehen.
19 Uhr. Wieder zu Hause. Verdammt, ich hatte nicht gespült! Jetzt muss ich doch ausgiebig lüften. Habe das Gefühl, Anjas Besuch untergräbt meine kompromisslose Klimastrategie. Während unserer gesamten Beziehung hat sie sich auch nie eindeutig zum Kyoto-Protokoll bekannt.
20 Uhr. Anja da. Schnuppert angewidert. Seit sie ausgezogen ist, trägt sie die gesunden kratzigen Filzpullover nicht mehr. Ihr neuer Typ scheint für den Wiedereinstieg in die Kernenergie zu sein. Auch ihre selbstgemachten ranzigen Hautcremes hat sie aussortiert. Erst jetzt. Unfair.
21 Uhr. Endlich rückt sie mit dem Grund ihres Besuches raus: Geld. Sie will mehr Unterhalt für Lisa. Willst du etwa auf Wegwerf-Windeln umsteigen?, frage ich entgeistert. Nicht, wenn du die Wolldinger wäscht, erwidert sie. Aber das geht nicht. Häufiges Waschen muss ich ablehnen.
22 Uhr. Mutter am Telefon. Ihr Nachbar habe den Fernseher wieder in Gang gekriegt. Na, toll. Du hattest ihn ja kaputt gemacht, behauptet sie. So ein Quatsch! Mutter, sage ich, du kommst bald in eine kompostierbare Urne, damit du endlich mal was für die Umwelt tust! Kapiert sie nicht.
23 Uhr. Bettlektüre über den Anstieg des Meeresspiegels. Schlimm! Allerdings: Wenn es in diesem Tempo weitergeht, könnte ich bald unten an der Straße einen Strandkorb aufstellen. Wäre ja auch nicht schlecht! Bedenkenswert.
24 Uhr. Liege grübelnd wach. Sollte ich vielleicht doch zur globalen Erwärmung beitragen? Genehmige es mir auf die Weise, die Anja zum Auszug veranlasste. Anschließend kurz lüften. Entspannung.
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