Die freie Liebesgeschichte der Hansestadt Hamburg © Dietmar Bittrich 2004
Dies ist der faszinierende Liebesroman einer Stadt und zugleich die romantische Chronik einer Familie, erzählt in neun mitreißenden Love Stories.
Wir erleben die verbotene Verbindung des Hamburger Gründungsmissionars Ansgar mit einer Wikingertochter. Die große Leidenschaft zwischen der Schwester Klaus Störtebekers und seinem Henker. Den schändlichen Seitensprung des Johann Sebastian Bach anlässlich seines Orgelvorspiels in Hamburg. Die heiße Mesalliance einer Kloakenreinigerin mit einem Pastorensohn, deren Feuer den Großen Brand entzündete. Die verhängnisvolle Schwärmerei eines ganzen Mädchenpensionats für die exotischen Männer bei der Völkerschau in Hagenbecks Zoo. Den Liebestod des dänischen Königs Frederik in einem hanseatischen Bordell. Die romantischen Verwirrungen hinter den Kulissen der Faust-Inszenierung von Gustaf Gründgens. Eine folgenreiche Liebschaft in einem überschwemmten Haus während der großen Flutkatastrophe. Und schließlich die Verstrickungen des Erzählers selbst.

Hier ein Ausschnitt aus dem Kapitel „Bach an der Orgel“. Darin verführt Johann Sebastian Bach die Tochter des Pfarrers Neumeister, an dessen Hamburger Kirche St. Jakobi er eigentlich Organist werden soll. Er schwängert die Tochter und muss Hamburg fluchtartig verlassen:

Bach ließ die Akkorde wogen, die Crescendi marschieren, und Magdalene beugte sich, ließ sich von den farbigen Lianen umschlingen und streicheln und hätscheln, von diesem Liebesgewebe aus Tönen, unter denen die geschnitzten Stühle im Chorraum zu tuscheln begannen und die goldstarren Tabernakel den Kopf wandten, und all die steinernen Heiligen seufzten vor Sehnsucht und Lust.
Ach, die katzenartige Geschmeidigkeit seines Spiels! Das schlangenhafte Schmeicheln! Das Fordernde, das keinen Widerstand duldete, das sirenenhafte Wehklagen, das sich auftürmende Toben, dann das dröhnende Niederfahren! Magdalene brauchte Luft, brauchte Freiheit, während ihr Meister aus vollem Spiel vier Manuale und sechzig Register gleichzeitig bediente. Sie brauchte Kühlung in dieser Glut, in der unten auf dem Altar die Kerzen schmolzen und die gemalten Tränen der Bilder zu fließen begannen und das Blut des Gekreuzigten sich verflüssigte. Fliegend lockerte sie Knöpfe, löste Bänder mit nur einer Hand, während die andere seinen dahinjagenden Fantasien zu folgen versuchte.
Jetzt fuhren seine Fanfaren bis in die Krypta und erleuchteten die Finsternis. Jetzt spannte er in akrobatischen Kapriolen einen Baldachin aus Licht über den ganzen Raum, einen göttlichen Schirm, unter dem alle Sünden vergeben und getilgt waren, alle begangenen und jemals zu begehenden, es gab keine mehr, es hatte nie welche gegeben.
Magdalene nestelte, öffnete, streifte ab, ließ fallen, ließ gleiten, gab nach, dehnte sich rückwärts, ertastete wie in vager Erinnerung noch einmal die Klaviatur, während ein wogendes Brausen das Schiff erfüllte. Nun also waren die Fluten durch alle frommen Fenster hereingebrochen. Mit einem Ruck hob sie sich ihrem Retter entgegen, presste sich an ihn, während er nur noch die linke Hand über die Tasten laufen ließ in einer Scherzo-Passage, die triumphal dem Finale zuströmte. Der Kalkant stampfte wütend und trat und malmte Luft und spie Speichel und stierte blutig und konnte doch nichts sehen als die hölzerne Verkleidung der Windmaschine, konnte Magdalenes zitternde feine Härchen nicht sehen und nicht die verzückt geschlossenen Lider, nicht den lavendelfarbigen Schatten und nicht den wolkigen Schaum. All das sah nur Bach, der zupackte und griff und nahm, was unter dem Rauschen göttlicher Schwingen gewährt wurde.

Keine Hand lag mehr auf den Tasten. Aber jetzt fuhr der Blitz aus dem Himmel. Der Bälgetreter erschrak unter der Wucht der Dissonanz, die ungeheuerlich in den Raum schoss. Er erschauerte unter dem alles vernichtenden Schwung einer monströsen Kakophonie, als beide, der Meister und seine Schülerin, mit ganzem Körper die Orgel bespielten, während er sie spreizte und sie erschrak, während er einen Widerstand spürte, leicht und kurz, und dann tiefer glitt in die Burg Gottes, die in purpurnem und goldenen Überschwang bebte.
Unten tat sich die Tür auf. Sie knarrte würdig. Aber das war nicht zu hören, schon gar nicht hier oben auf der Empore, wo die Orgel unter fleischigen Clustern wehklagte und um Atem rang und der Kalkant immer hurtiger treten musste. Jemand betrat die Sandsteinplatten unten, bückte sich unter dem orchestralen Toben dieses Begehrens und dem undirigierten Aufschrei aller Choräle. Jemand näherte sich der Quelle dieses Deliriums, arbeitete sich voran im Mittelgang, Balance suchend von Bankreihe zu Bankreihe. Bataillone von Engeln riefen zur Raserei, der dröhnende Schein Gottes selbst brach durch die gemalten Kumuluswolken der Kuppel. Und die gemurmelten Gebete und die Lügen und Seufzer von Jahrhunderten stiegen erweckt aus dem Stein und wurden erhört und für immer gelöscht, während Bachs alter Lehrer Jan Adam Reinken, denn er war es, am Fuß der Orgelempore innehielt, sich am Geländer festklammerte und um Atem rang unter diesem Furcht erregenden Tosen.
Und dann plötzlich war Stille. Nur das katharrische Keuchen der Bälge war noch zu hören, länger als nötig, so als glaube der Kalkant nicht, dass die aus dem Käfig entlassene Musik auf einmal gebändigt sei oder überhaupt jemals müde werde. Die Windlade atmete röchelnd weiter, während sonst alles schwieg. Eine Blase von Stille dehnte sich aus. An ihrem Rand war ein wohliges Rieseln zu hören; das war der Wandverputz, der tausend Risse bekommen hatte in seinen Goldrändern und Blattgerank, und von dem es nun kreidig hernieder rieselte, weiß und reseda und altrosa, ein feiner stäubender Nachklang des Bebens.
Der uralte Reinken schleppte sich die ächzenden Stufen nach oben. Als er die Empore erreicht hatte und sich an der Brüstung vorwärts Richtung Spieltisch zog, hörte der Kalkant endlich auf zu treten. Der Greis, ungläubig, hielt ebenfalls inne und blinzelte in das Licht der Kandelaber, die die Szene in einen sanften Heiligenschein tauchten. Entweder, was er gewahrte, war ihm vollkommen unerklärlich, weil Vergleichbares seinem Gedächtnis bereits vor Jahrzehnten entschwunden war. Oder er vermochte es nicht klar zu erkennen, so sehr er die Augen zusammenkniff. Oder die berühmte Bemerkung, die er nun dem Kandidaten Bach gegenüber machte, war ihm eingegeben von jener milden Ironie, die zur Altersweisheit gehört.
Wenn er zu sehen vermochte, sah er die vollkommen entblößte und vollkommen gelöste Magdalene, die bis kurz vor dem Scherzo noch jungfräulich zu nennen war. Sie hielt Bach, der keineswegs gänzlich nackt war, nur um die Lenden herum, träumerisch umschlungen. Und Bach selbst, erschöpft und noch in der Trance, blickte dem schrundigen Lehrmeister verständnislos entgegen. Der öffnete den zahnlosen Mund. »Ich dachte, diese Kunst wäre ausgestorben«, murmelte Reinken. »Ich sehe aber, dass sie in Ihnen noch lebt.«

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