Hamburger Liebschaften © Dietmar Bittrich 2001

Der König im Bordell

Von der wunderbaren Liebesgeschichte meiner Großmutter mit dem dänischen König ist in der Öffentlichkeit nur das Ende bekannt geworden, und darin kommt allein der König vor: wie er an einem Abend im Mai aus dem Schatten des Lessing-Denkmals trat und einige unsichere Schritte über den Gänsemarkt machte, wie er auf das Pflaster stürzte, worauf die Portiers des Victoria-Cafés herbeieilten; wie sie ihn auf die Stufen des Bürck’schen Hauses setzten und ihn stützten, bis der Schutzmann kam, darüber gibt es ein Protokoll; weiter über das eilige Herbeirufen einer Droschke, die ihn zum Hafenkrankenhaus bringen sollte, und über seinen Tod in der Droschke; all das steht fest.
Aber gleich damals ist auch ein Gerücht aufgekommen, obwohl meine Großmutter und Frau Sieveking alles getan haben, um das zu verhindern; es ist trotzdem entstanden: das Gerücht, der König sei vom Kalkhof gekommen, von jenem feinsten und teuersten aller Hamburger Bordelle, welches am Gänsemarkt lag, und in dem meine Großmutter damals arbeitete. Dieses Gerücht enthält die Wahrheit. Ja, der König ist im Kalkhof gewesen, jedoch nicht aus Begierde, sondern weil er meine Großmutter liebte. Sie war die Leidenschaft seines Lebens, nur durfte niemand davon erfahren. Eine Liebe zwischen König und Dirne galt damals als Mesalliance. Heute ist das anders, man wäre froh, und deshalb erzähle ich hier davon, zum erstenmal.
Am Abend seines Todes war der König Frederik neunundsechzig Jahre alt, meine Großmutter war neunundzwanzig. „Dieser Altersunterschied hat mir nie etwas bedeutet“, sagte sie stolz. „Bei der Liebe zählt die Zeit nicht.“ Aber ein bisschen muss man die Zeit doch mitzählen, denn meine Großmutter war erst siebzehn gewesen und noch ganz neu in dem Bordell, als der König sie zum erstenmal erblickt hatte. Das war im Jahr Neunzehnhundert. Er war damals noch kein König, sondern, wegen seines zählebigen Vaters, immer noch Prinz. „Ein Prinz, wahrhaftig!“ sagte meine Großmutter. „In dem Augenblick, als er durch die Tür trat, wusste ich, dass er mein Märchenprinz war.“

Bei jenem ersten Besuch des Königs war meine Großmutter noch unberührt. Sie hatte gerade sieben Tage und Nächte im Kalkhof verbracht und wurde noch ausgebildet in den Fertigkeiten der Liebe. Hinter bemalten Wandschirmen verborgen, eingehüllt in schwere Portieren und durch die Gucklöcher in alten Gemälden durfte sie den erfahrenen Mädchen zusehen, einmal sogar der Bordellmutter selbst, der Frau Sieveking, wie die den Bürgermeister Mencke empfing, den meine Großmutter später auch bedienen sollte. „Ich habe ja alle gehabt, alle die Großen“, erzählte sie. „Mindestens vier Bürgermeister und zwei Dutzend Senatoren, dazu die Grundeigentümer und die Notablen, wie wir sie nannten, Albert Ballmann zum Beispiel, den bekannten Direktor der Hapec, Hermann Blum, den Werftbesitzer, und Fuchs, seinen Kompagnon, auch den berühmten Reeder Leitz, und natürlich Fritz Schubert, den Oberbaumeister, und Höcker, der damals das China-Haus baute, dann Eduard Siemsen, der unbedingt eine Universität gründen wollte, Lichtenberg von der Kunsthalle habe ich gehabt und den Maler Kalkert, ach, und all die Importeure von Salpeter und Reis, die Kaffeemakler und Zuckerspekulanten, die Husaren vom Wandsbeker Regiment und alle Herren von der Patriotischen Gesellschaft, jeden könnte ich dir beim Namen nennen und bis in die kleinsten Einzelheiten beschreiben, aber keiner war wie der dänische König!“
Der Prinz Frederik erschien in jenem Jahr Neunzehnhundert zum erstenmal in der gediegenen Backsteinvilla, obwohl er schon mehrmals in Hamburg Station gemacht hatte, meist auf der Rückreise aus dem Süden; in diesem Jahr jedoch war er ohne Familie unterwegs. Im Hamburger Hof am Jungfernstieg bewohnte er eine angejahrte Suite mit Blick auf die trübsinnige Alster. Als er an einem regnerischen Sommerabend vor dem Kalkhof stand, vor der eichenen Tür, die mit geschnitzten Segelschiffen verziert war und mit einem Wappen, in dem sich eine winzige Luke verbarg, wurde Frau Sieveking geholt, denn man kannte ihn nicht. Ihr genügte ein knapper Blick, um sogleich die Räumung des roten Salons zu veranlassen, in dem die Freier in Samtfauteuils vor funkelnden Gläsern die Wartezeit absaßen. Keiner von ihnen sollte diesen Gast zu Gesicht bekommen.
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