Das Osterkomplott © Dietmar Bittrich 2001
Der Fall, von dem ich erzähle, ist einzig vergleichbar mit der Ermordung des lächelnden Papstes, Johannes Paul I. Dieselbe Art Komplott steckt dahinter. Dasselbe höhere Ziel musste als Rechtfertigung herhalten. Nur hat sich die Weltöffentlichkeit diesmal besser täuschen lassen. Und das ist mein Verdienst, inzwischen allerdings auch mein Verhängnis.
Wenn ich das Rad bewegen könnte, würde ich es bis zum Aschermittwoch zurückdrehen, bis in jene siebente Woche vor Ostern, in der das Lindemann- Spiel begann. Oder besser noch bis zu jenem Tag, an dem ich zum ersten Mal davon hörte. An dem ich noch hätte aussteigen können.
Ich kannte das Spiel nicht. Weder den weltumspannenden Konzern noch seine Werbefeldzüge. Schokolade, besonders in Form von Ostereiern, habe ich mir vor langer Zeit abgewöhnt. Und Gewinnspiele hielt ich von jeher für ruinös. Alle Spieler, auch die Gewinner, müssen früher oder später verlieren. Selbst die Erben der Jackpots sind binnen weniger Jahre ruiniert, lassen für jede Schnapsflasche anschreiben und knüpfen schließlich ein Seil an den Dachbalken ihres Traumhauses.
Beim Lindemann-Spiel sollte es anders sein. „Geld ist verderblich“, erklärte mir Brit Bertheau, die Marketingchefin, in der weißgoldenen Firmenzentrale bei Zürich. „Weltweiter Ruhm ist seltener als Geld und viel schwieriger zu bekommen. Aber genau diesen Ruhm garantieren wir unseren Gewinnern!“
An einem Marmortisch durchblätterte ich das Album der Vorjahressieger. Frau Bertheau beugte sich über mich, als solle ich ihr Parfum testen. „Man weiß es von Marathonläufern und Talkshowgästen“, sagte sie. „Sie wissen es aus Ihrer eigenen Branche: Das Ego muss gekitzelt werden. Das Ego will groß sein. Wir kitzeln es, wir lassen es wachsen, lassen es schwellen, wir bringen es - verzeihen Sie - zum Höhepunkt!“
Sie sah mich an auf eine Art, die ich mir gewöhnlich verbeten hätte. Wäre ich in Berufskleidung gekommen, hätte sie es auch gar nicht gewagt. Aber ich war inkognito hier; niemand im Gebäude sollte auf die Fährte gelockt werden. „Der Rausch des Ruhms ist mit nichts aufzuwiegen“, sagte sie. „Wer weiß das besser als Ihr Chef? Er kennt die Ekstase. Die wollüstigen Tränen. Die Hysterie. Umbrandet vom Jubel der Massen! Sich auflösen im Triumph! In der Orgie schmelzen!“ Sie richtete sich wieder auf. „Das ist mystisch! Niemals würden unsere Gewinner für Geld darauf verzichten.“
Daran zweifelte ich. Doch die Sieger des Lindemann-Spieles waren tatsächlich berühmt geworden. Nicht, indem sie das Spiel gewannen. Sondern indem sie die Siegprämie dafür in Empfang nahmen. Denn die bestand, von Jahr zu Jahr wachsend, in wahrem Ruhm.
Etliche Personen im Album kamen mir bekannt vor. Nicht gerade der Gewinner im ersten Jahr des Spieles, ein Baggerführer aus der Lausitz. Bei ihm war die Dosis Glamour noch mäßig gewesen. Er hatte seine Hände und Füße am Hollywood Walk in weichen Zement pressen dürfen, genau zwischen die Abdrücke von Richard Gere und Brad Pitt; der Lindemann Konzern hatte den Quadratmeter gekauft. Danach war der glückliche Gewinner, dem eine Geldprämie lieber gewesen wäre, zur Braunkohle zurückgekehrt, bereichert um die Gewissheit, dass Hollywood-Touristen fortan bei seinem Namen stutzen würden.
Im Jahr darauf hatte man die Zuteilung an Ruhm schon erhöht. Die Gewinnerin, eine Kioskbesitzerin aus Barmen, wurde mit einer halben Saison als Model belohnt und durfte in der Herbstkollektion von Armani über die Laufstege stolpern, im Schnellkurs vertraut gemacht mit Posen und Catwalk und trotz unlösbarer Figurprobleme bestaunt in den Hauptstädten der Couture, von der Presse scheinheilig bejubelt. Für ein paar Wochen war sie, der Lindemannschen Garantie gemäß, berühmt gewesen.
Der Sieger vom nächsten Jahr, ein Dithmarscher Krabbenfischer, hatte mit dem berühmtesten Popstar jener Zeit ein Konzert geben dürfen, mit einem gewissen Jackson, und zwar als Duettpartner. Notdürftig hatte man den Mann seiner Gummistiefeln entwöhnt und zum Tänzer und Playback-Mimen getrimmt. So war er dann über Bühnen und Bildschirme gestrauchelt. Etliche pubertäre Magazine hatten ihm eine Doppelseite gewidmet, eines sogar - auf Initiative des Anzeigenkunden Lindemann Chocoladen - einen mehrteiligen Star-Schnitt. Im Gefühl des Triumphes war er in ein Studio gezogen; die erste CD hatte sich als Gag gut verkauft, die zweite musste dem Sondermüll zugeführt werden. Immerhin, der Mann war fortan ein anderer Krabbenfischer als zuvor.
Vielleicht hätte er es in einer anderen Rolle weiter gebracht, etwa in der des Formel-1-Piloten im Jahr darauf. Doch das konnten sich die Teilnehmer nicht aussuchen. Bei Spielbeginn wussten sie lediglich, dass Ruhm winkte und dass sie dafür sieben österliche Aufgaben lösen mussten. In welcher Rolle sie am Ende vor die Welt treten würden, blieb eine Überraschung, die Osterüberraschung. Der Konzern ließ sich den Aufwand einiges kosten. Im Gegenzug trug der Sieger die lila Lindemann-Insignien zur Schau, verteilte Überraschungseier, Müsliriegel, süße Pausen, Toffeepralinen und bereicherte das Image der Marke.
Mit den Jahren waren die Prämien kühner geworden. Einmal bestand der Gewinn in einer eigens erschaffenen Sendung im Fernsehen; eine minderbegabte Frau trug den Sieg davon, eine Verena Feldborst. Ein Jahr später winkte eine Hauptrolle in einem Hollywoodfilm. In dem Streifen, in dem die Siegerin auf Kosten des Konzerns eingesetzt wurde, ging es um eine Schiffskatastrophe; trotz ihrer Talentlosigkeit ist er zum Kassenschlager geworden. Und einer der letzten Sieger wurde, ebenfalls auf Firmenrechnung, in Deutschland zum Politiker ernannt. „Niemand hat es gemerkt“, erzählte Brit Bertheau stolz, „er ist noch immer aktiv.“
Nun aber, zum hundertfünfzigjährigen Firmenjubiläum, wurde die kühnste Prämie ins Visier genommen. Mit uns. In diesem phantastischen Jahr sollten mehr als drei Milliarden Menschen den Sieger umjubeln. Niemand anderes konnte dieses Ausmaß an Glanz zur Verfügung stellen. Nur wir.
Deshalb saß ich vor einer Pyramide schwitzender Champagnertrüffel in der Konzernzentrale, als geheimster aller geheimen Unterhändler des Chefs. Es sollte der größte Deal in der Geschichte des Lindemann-Konzerns werden, möglichst auch der größte in unserer eigenen Geschichte. Denn so ungeheuerlich das Ansinnen der Schokoladen-Promoter war, so verlockend schien die versprochene Entlohnung. Nicht nur Geld wurde uns in Aussicht gestellt, sondern menschliches Kapital, ergebene Mitglieder, folgsame Anhänger, Gläubige, Fans. Zwei Stunden würden wir durch die Hölle gehen müssen, um dann jahrelang Heil einzufahren. Deshalb hatte sich der Chef, nach strenger Gewissensprüfung und schlaflosen Nächten, am Ende doch dazu durchgerungen.
An jenem Tag in der Konzernzentrale war ich noch skeptisch. Die augenfällige Talentlosigkeit der Vorjahressieger bereitete mir, durch den Geruch der Trüffel verstärkt, Magenschmerzen. Natürlich konnte ich beim Sieger nicht jene Vielsprachigkeit zur Voraussetzung machen, die wir traditionsgemäß für das Ereignis brauchten. Selbstverständlich durfte ich auch nicht sein Alter vorgeben oder nur die Statur. Aber - ich dachte an die planetenumspannende Übertragung voller liebkosender Nahaufnahmen, an die Qual des Maskenbildners - das Gesicht müsste dem des Chefs wenigstens annähernd ähnlich sein. Vorsichtig, als wollte ich einen Scherz machen, fragte ich: „Kann ich eigentlich irgendwie mitbestimmen, wer gewinnt?“
„Sie wollen manipulieren?“, fragte Brit Bertheau ohne das geringste Erstaunen.
„Nun, so würde ich es nicht gerade nennen.“
„Versuchen Sie es. Nur achten Sie darauf, dass niemand etwas bemerkt.“
Deshalb bin ich nicht rechtzeitig ausgestiegen.
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