| Der tödliche Rasierspiegel © Dietmar Bittrich 2003 | |
| Die Unsterblichkeit Großonkel Joseph war nicht allein mein Erbonkel, sondern auch der Erbonkel zahlreicher anderer Familienmitglieder. Wir alle machten ihm regelmäßig unsere Aufwartung. "Drückt nur die Daumen, Kinder", sagte meine Mutter, seine Nichte, "dass er nie und nimmer ins Heim muss." Nach einer längst überholten Tradition hanseatischer Kaufleute hatte Joseph bis zu seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag an der Gewohnheit festgehalten, Arztkosten aus eigener Tasche zu begleichen. Versicherungen hielt er für Betrugskartelle. Und nun würden sie ihn als Mitglied auch nicht mehr nehmen. Hätte er in ein Pflegeheim umziehen müssen, wären bei den unverschämten Tagessätzen und bei seiner ererbten Zählebigkeit die Millionen in wenigen Jahren dahingeschmolzen. Am Ende hätten wir einen Brief vom Sozialamt erhalten und wären am Unterhalt arm geworden. Das musste verhindert werden. Joseph war ein großer Mann mit ausfahrenden Gesten und lauter, greinender Stimme, die er auch in Straßenbahnen und Restaurants nicht dämpfte. Während er sich über die Politik ereiferte, ruderte er wie ein Windrad mit den Armen und streute die Asche seiner unerschöpflichen Zigarre über die Zuhörer. Jeder hatte binnen kurzem heraus, dass seine Vorträge durch Einwürfe und Widerspruch nicht abzukürzen waren. Die meisten hörten also schweigend zu und lächelten das Lächeln der Nachgeborenen. Meine Mutter hatte die Losung ausgegeben, er sei eine Persönlichkeit. Nach zwei missglückten Affären und einer kurz vor der Heirat gelösten Verlobung hatte Joseph mit vierzig beschlossen, sein Leben als Junggeselle zu verbringen. Auf dem schwarzpolierten Bechstein-Flügel, an dem er mit brüchigem Organ die Fragmente von Schubert-Liedern absang, standen das goldgerahmte Foto eines räudigen Schäferhundes, den er als den besten Freund seines Lebens bezeichnete, und ein Porträt eines Reitpferdes, das ihn nach zwei treuen Jahrzehnten abgeworfen hatte, so dass ich ihn nur hinkend kennengelernt habe. Meine Mutter hatte ein Foto unserer Familie dazu gestellt. Als Joseph an einem Oktobersonntag aus einem dumpfen Mittagsschlaf erwachte, glaubte er, die Aura der Gegenstände und Zimmerpflanzen zu sehen. Er berichtete von der vibrierenden Unschärfe ihrer Doppelkonturen, als meine Mutter sich am Abend telefonisch nach seinem Wohlergehen erkundigte. Seine Sprache war so verschleiert, dass sie kaum dahinter kam, was er meinte. In einer ängstlichen Eingebung flehte sie ihn an, seine Füße hochzulegen, und fuhr zu ihm, um seine Bettruhe zu überwachen. Am folgenden Tag hatte er die gewöhnliche Sicht der Dinge wiedererlangt. Beim Weihnachtsessen beschuldigte er meine Mutter, die Gans mit verdorbenen Maronen gestopft zu haben, die ihm Lippen und Zunge betäubten. Wir, die ihm gegenüber saßen, wurden unterdessen Zeuge, wie die rechte Hälfte seines Gesichtes ins Rutschen kam. Es sah aus wie ein in Zeitlupe zusammenstürzendes Hochhaus; die Fassade scheint als Ganzes abwärts zu gleiten und wahrt im Absacken noch für einen würdigen Augenblick ihre Gestalt, bevor sie sich für immer in Staub und Trümmern auflöst. Wir nötigten ihn, sich auf die Couch zu legen. Auch diese Anwandlung ging vorüber. Doch wir wussten, dass es Zeit war zu handeln. Als im Februar ein Regenschauer die gefrorenen Wege mit einer Eisschicht versiegelte, fiel uns ein, dass unser Onkel viel zu selten spazierenging. "Es ist nicht gut, dass er immer drinnen hockt", sagte meine Mutter. Dann riefen wir ihn reihum an, um ihn zum Ausgehen zu ermutigen. Schließlich raffte er sich tatsächlich auf. Mit pochenden Herzen saßen wir in den folgenden Stunden neben dem Telefon. Keiner von uns war an diesem Tag ohne blaue Flecken oder verstauchte Handgelenke davongekommen. Auf den spiegelnden Straßen waren scharenweise Menschen gestürzt und unter die Räder geraten. Nicht einmal die Unfallwagen konnten sich über die glattlackierten Flächen bewegen. Nun warteten wir auf den erlösenden Anruf. Der kam gegen achtzehn Uhr. Onkel Joseph dankte uns für den guten Rat. Er sei nach einem wackeren Gang erquickt und froh heimgekehrt und fühle sich durch die frische Winterluft wohltuend gestärkt. Zum Geburtstag im Mai spendierten wir Onkel Joseph ein Shampoo, damit er sein Geld nicht immer zur Friseurin trage, die sich auf vordergründige Weise bei ihm einschmeichelte. "Alte Menschen müssen aktiv bleiben", sagte meine Mutter. "Es ist besser für ihn, wenn er sein Haar selber wäscht". Und damit es danach schnell wieder trocken würde, schenkten wir ihm obendrein einen Fön. Mein elektrisch versierter Vetter installierte eine neue Steckdose im Badezimmer und erklärte Onkel Joseph, dass man einen Fön am besten benutzt, während man in der Badewanne liegt, damit man es von allen Seiten warm hat. Unser Onkel fand das überzeugend und hielt sich fortan daran. Es bekam ihm gut. |
An einem schwülen Nachmittag Ende August durchfuhr Onkel Joseph der Blitz eines unsichtbaren Gewitters. Er saß im Lehnstuhl und hatte das Gefühl, ans Polster genagelt zu werden. Der zweite Blitz ließ ihn über die Lehne kippen. So fand ihn meine Mutter am Ende eines Tages voll vergeblicher Anrufe. In Bad Homburg, einer deprimierenden Ballung von Krankenhäusern, Rehabilitationsstätten, Thermalbädern, Fastenkliniken und Cafés erlebte unser Onkel von nun an die unerbittliche Routine eines Pflegeheims. Sein Zimmer teilte er mit einem stumm dahindämmernden Herrn Marotzke. "Dort wird sein Leben nun in die Länge gezogen", klagte meine Mutter. "Und auf wessen Kosten? Auf seine eigenen Kosten! Noch hat er Geld!" Im Wahn, er könne nach ein paar Wochen das Heim verlassen, weigerte der Onkel sich zu allem Überfluss auch noch, seine teure Wohnung zu kündigen. Wenn wir ihn besuchten, lag er stets in wächserner Starre und stierte an die Zimmerdecke. Doch sobald er uns wahrnahm, belebten sich seine Züge. Er begann wieder zu reden. Nach einigen Monaten ereiferte er sich sogar beinahe wie früher, noch unverständlicher zwar als damals, doch brachte er es sogar fertig, mit den Armen zu fuchteln und Telefon und Saftglas vom Nachttisch zu fegen. Es war ein Jammer mitanzusehen, dass er nun unserem Einfluss entzogen war und sich dabei noch erholte. Wir machten uns Vorwürfe, dass wir nicht eher etwas getan hatten. "Man hat einfach nicht die Zeit", sagte meine Mutter, "sich so um die alten Menschen zu kümmern, wie es nötig wäre." Im Herbst bekam der Onkel einen Rollstuhl, der teurer war als ein Kleinwagen und den er ebenfalls selbst bezahlte. An sonnigen Tagen mussten wir ihn nun über die ebenen Wege des Kurparks schieben. Es schien in dem ganzen Ort weder Hügel noch Treppen zu geben, und sogar die flachsten Teiche waren von unüberwindlichen Mauern umgeben. Onkel Joseph genoss die Luft und die Sonne und gewann auf gespenstische Weise an Vitalität. Durch unentzifferbare Ausrufe und herrisches Gestikulieren wies er die Richtung, in die er gefahren werden wollte. Meine Mutter hatte beobachtet, dass er sogar im Schlaf mit den Armen fuchtelte. Meine Kusine war es, die auf die wunderbare Idee kam, ihm zum ersten Advent eine Kerze mitzubringen, auf dass er ein Licht habe in dieser dunklen Zeit. Der Onkel hasste Weihnachten. Er hasste auch die Lieder, die wir ihm sangen, während seinem stummen Zimmergenossen Marotzke Tränen der Rührung in die Augen traten. Ich bin sicher, Onkel Joseph hasste auch die Kerze, die wir ihm auf dem Nachttisch aufstellten. Bevor wir uns verabschiedeten, zündeten wir sie an. Um ganz ehrlich zu sein, war ich es, der sie anzündete. Meine Kusine aber war es, die sagte: "Du solltest jetzt ein wenig schlafen, Joseph." Und dabei betrachtete sie die langen Ärmel seines Nachthemdes. Wir wanderten zurück durch den langen Gang mit den verschlossenen Türen, hinter denen sich nichts regte, vorbei am Zimmer der Nachtschwester, die uns hinter der Scheibe nicht einmal wahrnahm. "Man soll ja ins Licht gehen, wenn man stirbt", sagte mein Vetter, der sich viel mit Grenzerfahrungen und Nahtod-Forschung beschäftigt hat. Als wir uns unten vor dem Haus umdrehten, war es mir, als sähe ich bereits den Schein des Feuers im Fenster. Wir fuhren schnell heim, um unsere eigene kleine Adventsfeier im Kreis der Erbengemeinschaft zu halten. Am späten Abend rief meine Mutter im Pflegeheim an. Doch weder auf der Station noch im Zimmer unseres Onkels nahm jemand ab. Meine Mutter nickte vielsagend. Wir verbrachten die Nacht in schlafloser Unruhe. Am Vormittag ereilte uns die schreckliche Nachricht. Bei einem Fluchtversuch mit dem Rollstuhl habe unser Onkel eine Kerze umgestoßen, die neben seinem Bett brannte. Das sofort ausgebrochene Feuer sei zwar von der Sprinkleranlage gelöscht worden. Doch für einen der Heimbewohner sei jede Rettung zu spät gekommen. Den ganzen Tag saßen wir bedrückt und wortlos beisammen. "Eigentlich", sagte meine Mutter, "müsste die Familie Marotzke uns etwas abgeben von ihrem Erbe." Aber den Gedanken, die Familie anzusprechen, haben wir schnell wieder fallen gelassen. Das ist acht Jahre her. Doch noch heute stellen wir uns immer wieder vor, wie die Marotzkes in Saus und Braus leben, und zwar dank unserer Fürsorge, während Onkel Joseph längst zum Sozialfall geworden ist und uns mit seiner Unsterblichkeit langsam und unwiderstehlich in den Ruin treibt.
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