Die Weihnachtsgeschichte der Gummibärchen © Dietmar Bittrich 2002
Leseprobe

Die Weihnachtsgeschichte der Gummibärchen

In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, lebten die Gummibärchen auf der Erde. Einige wohnten auf dem Lande in kleinen Hütten, andere in großen Palästen, wieder andere in Häusern in der Stadt.
In einem bescheidenen Häuschen am Rande einer kleinen Stadt lebten das Marienbärchen und das Josefsbärchen. Sie waren ein Ehepaar. Das Josefsbärchen war Tischler von Beruf und hobelte und sägte und polierte den ganzen Tag in seiner Werkstatt, um feine Tische und Stühle und Schränke zu bauen für liebe Gummibärchen.
An einem Vormittag im Frühling geschah etwas Seltsames. Das Marienbärchen saß gerade ganz allein im Schaukelstuhl und nähte ein Band für einen neuen Bärchenhut. Da ging plötzlich das Fenster auf. Ganz von allein. Und siehe da, auf einem Lichtstrahl schwebte ein Engelbärchen herein. Jawohl, ein richtiges Engelbärchen. Mit echten Flügeln und einem hell leuchtenden Heiligenschein. Es schwebte herein und stellte sich vor das Marienbärchen.
"Gegrüßet seist du, Holdselige", sprach das Engelbärchen. "Der Herr ist mit dir, du bist die Gebenedeite unter den Weibern."
"Wie bitte?", fragte das Marienbärchen erschrocken. "Was bin ich?"
"Fürchte dich nicht", sagte das Engelbärchen. "Du hast Gnade bei Gott gefunden. Denn siehe, du, ja genau, du, das Marienbärchen, du wirst schwanger werden und wirst ein kleines Bärchenkind gebären, ein Gummibärchen so zart und fein, das soll der König aller Bärchen sein. Ja. Also, das war mein Spruch. Auf Wiedersehen."
"Aber Augenblick mal!", rief das Marienbärchen. Doch das Engelbärchen winkte nur hold lächelnd und schwebte schon auf seinem Lichtstrahl davon.
Wie durch Zauberhand schloss sich hinter ihm das Fenster. Und das Marienbärchen blieb allein zurück mit dieser sonderbaren Botschaft: dass ein göttliches Bärchenkind auf die Welt kommen sollte, und dass ausgerechnet das Marienbärchen die Mutter sein sollte. Und das Josefsbärchen, naja, das sollte sich wohl auch darüber freuen.
Der Sommer kam mit Schwalben und Tretbootfahren und Erdbeereis. Der Herbst kam voller gelber Birnen und Drachen im Wind und raschelndem Laub. Und nun hatte das Marienbärchen schon einen ziemlich runden Bauch. Das Josefsbärchen hobelte und sägte und polierte und kämmte seinen Bart und freute sich.
Neun Monate waren vergangen. Da kam der König des Landes, der grimmige alte Herrscherbär, auf einen Einfall: Alle Gummibärchen müssten unbedingt gezählt werden. Denn einige Bärchen hatten damals durchsichtige Tüten gebaut und waren hineingeklettert in diese Tüten und waren dann frohgemut damit in ferne Länder gereist.
Das gefiel dem grimmigen alten Herrscherbären nicht. Und er wollte unbedingt wissen, wie viele Bärchen noch da waren, damit er sie festhalten konnte, als Untertanen in seinem Reich.
Deshalb sollten die Bärchen sich zählen lassen. Alle mussten sich beim Amt für Bärchenzählungen melden. Auch das Josefsbärchen und das Marienbärchen.
Das Marienbärchen war um diese Zeit schon so schwanger, dass alle Nachbarn sagten: Oh je, jeden Moment kann das Bärchenkind kommen! Aber das half nichts. Das Josefsbärchen und das Marienbärchen mussten ihre Zahnbürsten einpacken und Proviant und mussten ihr Häuschen abschließen und auf die Reise gehen in jene Stadt, in der sich das Amt für Bärchenzählungen befand.
Das Josefsbärchen holte also den grauen Esel aus der Garage, denn Autos gab es damals noch nicht, und legte dem Esel eine Häkeldecke auf den Rücken. Und dann hob das Josefsbärchen das Marienbärchen auf den Esel. Das Marienbärchen war ganz schön schwer mit dem Bärchenkind im Bauch, so dass der Esel dachte: Hoffentlich steigt sie zwischendurch auch mal ab.
Aber er trug sie. Und so wanderten sie los. Aus dem Städtchen hinaus und auf die Landstraße und durch die Felder, die jetzt alle brach lagen, weil es ja Winter war. Dann am Fluss entlang, an dem das Josefsbärchen im Sommer geangelt hatte. Und um den See herum, auf dem sie Tretboot gefahren waren. Und an der Eisbude vorbei, die jetzt geschlossen war. Und danach durch den großen dunklen Wald, wo tiefe Stille herrschte, weil es den Vögeln zu kalt war zum Singen, und wo die Eichhörnchen zusammengekuschelt schliefen. Schließlich kamen sie über die sieben Hügel, auf deren Spitzen nun Schnee lag. Und dann endlich sahen sie die Dächer der Stadt, in der sie geheiratet hatten und wo sie sich jetzt wieder melden sollten, weil sie ja gezählt werden sollten wie alle Bärchen im ganzen Bärchenland.

Je näher sie der Stadt kamen, desto mehr andere Bärchen trafen sie. Rote Bärchen, gelbe Bärchen, orange, grüne, weiße Bärchen, Bärchen von überall her. Alle strömten durch das Stadttor und wollten unbedingt gezählt werden. Auf den Straßen war es so voll, dass sie beinahe aneinander festklebten. Alle redeten durcheinander, und der Esel musste ziemlich laut I-A schreien, um durchzukommen.
"Josef, lieber Josef mein", sagte das Marienbärchen.
"Ja, Marienbärchen?", fragte Josef.
"Es könnte bald, schon bald so weit sein", sagte das Marienbärchen. "Ich merke es. Das Bärchenkind - ich glaube, es wird noch heute geboren!"

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