Das Weihnachtshasser Buch © Dietmar Bittrich 2005
Wir finden günstige Geschenke
Weihnachten ist längst zum großen Fest des Entmüllens und Entsorgens geworden. Auch wir sind schon viele unnütze alte Geschenke losgeworden, die unsere Schubladen verstopften: selten getragene Socken, wenig gelesene Bücher und aussortierte CDs. Diese Art des Schenkens ist praktisch und wird gern gesehen. Vor allem kostet sie nichts. Doch wir können auch neue, originelle Gaben preisgünstig erwerben oder mit Leichtigkeit ganz umsonst herstellen.

* Nierensteine. Wir selbst haben vielleicht noch keine. Aber es gibt sie günstig bei ebay. Wegen ihrer Ähnlichkeit können wir sie auch durch Lavagestein oder trockenes Hundefutter ersetzen. Einfach in eine Plastiktüte abfüllen und beschriften: „Urgroßvaters Nierensteine“, gern mit exakter Datumsangabe. Noch wertvoller: „Marilyn Monroe’s Nierensteine“, „Kaiser Wilhelms Nierensteine (erste OP)“, „Napoleons Nierensteine“. Und für Ostern: „Elvis’ Gallensteine“.
* Fahrkarte in den Himmel. Vor allem gläubige Menschen zweifeln daran, ob sie in den Himmel kommen. Ihnen helfen wir. Wir stellen am Computer ein Ticket her – entweder indem wir eine im Web abgebilderte Fahrkarte bearbeiten (google-Bildersuche „Fahrkarte“). Oder wir scannen einen heimischen Fahrschein. Wichtig für die meist älteren und schwachsichtigen Beschenkten: Das Wort „Himmel“ muss gut lesbar sein.
* Weihnachtliche Luft. Wir haben noch ein paar leere Marmeladengläser im Keller. Nun bekleben wir sie einfach mit Etiketten „Weihnachten 1972“, „Weihnachten 1954“. Wenn wir uns etwas mehr Mühe machen wollen, geben wir noch drei Tannennadeln, ein Stück getrockneten Apfel, etwas Bienenwachs und einen Hauch Zimt hinein. Diese Weihnachtsluft – gern aus dem Geburtsjahr des Beschenkten – macht Freude und bringt Glück. Jedenfalls uns, weil wir unsere Gläser loswerden, ohne sie zum Container tragen zu müssen.
* Ablassurkunden. Als folgenschwerste Errungenschaft Martin Luthers gilt heute die Abschaffung des Ablasshandels. Seither müssen die Menschen allein mit ihren Sünden weiterleben. Doch von Weihnachten an brauchen unsere Lieben das nicht mehr. Wir verschenken Ablassurkunden. „Mit dieser Urkunde bist du, (Name des Beschenkten), aller Sünden ledig. Nichts mehr belastet dein Gewissen. Du gehst mit engelsreinem Gemüt ins neue Jahr“. Wir unterzeichnen historisch und stilischer mit „Papst Leo X.“ oder authentisch und aktuell mit „Benedikt XVI.“.
* Ahnenfotos. Auf dem Flohmarkt und beim Trödelhändler werden viele alte Fotos feilgeboten, oft in verblüffender Qualität. Niemand weiß mehr, wer darauf dargestellt ist. Das ist gut, denn wir machen sie zu unseren Ahnen. Oder wir schmuggeln sie in fremde Stammbäume. Falls die Fotos beschriftet sind, erfinden wir noch den Beruf dazu. Sonst geben wir ihnen eine komplette Identität. Schön verpackt, werden sie zur Kostbarkeit: „Deine Ururgroßmutter Helene Lange Dorothea Erxleben, sie war die Begründerin der Frauenbewegung.“ Oder „Dein Urahn Gottfried Theodor, der erste Direktor der Deutschen Eisenbahngesellschaft. Du hast viel von ihm.“ Hauptsache, der Beschenkte ist stolz und zeigt die Fotos herum.
* Bundesverdienstkreuz. Wir können kein Bundesverdienstkreuz verschenken, denn unbegreiflicherweise hat man uns noch keines verliehen. Doch wir können den Vorschlag für die Verleihung verschenken. Das ist sehr einfach. Wir schreiben einen Brief an den Bundespräsidenten, Schloss Bellevue, 10000 Berlin. „Sehr geehrter Herr Bundespräsident, für die Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes schlage ich hiermit meine Tante (hier setzen wir den Namen des Beschenkten ein) vor. Sie (oder er) hat sich in hervorragender Weise

für Frieden, Abrüstung, Völkerverständigung, Natur, Kinder, Tiere, Opfer, soziale Gerechtigkeit, Konfliktbewältigung, das friedliche Zusammenleben der Menschen, die internationale Völkerfamilie und die berechtigten Anliegen der Menschen eingesetzt.“ Ein oder zwei dieser Begriffe reichen. Es geht ja nur darum, dass der Beschenkte glücklich über unseren Brief ist. Eine Kopie können wir auch tatsächlich einschicken. Mal sehen.


Boshafte Liebesgaben
Die bisher genannten Geschenke sind reine Liebesgaben. Mit ihnen gelangen wir für immer ins Herz der Beschenkten. Doch vielleicht wollen wir das gar nicht. Vielleicht möchten wir mit unserem Geschenk lieber einen kleinen Hieb austeilen. Oder einen winzigen Stich versetzen, der allerdings heilsam ist, so wie der Stich einer Akupunktur-Nadel.
* Problembücher. Es gibt zahlreiche Ratgeber-Bücher, meist in preisgünstigen Taschenbuch-Ausgaben. Oft sind sie nützlich. Das ändert nichts daran, dass die Beschenkten sich beim Auspacken unwohl fühlen. „Wir sind rund – na und?“ oder „So besiege ich meine Komplexe“ stecken voller aufmunternder Ratschläge, aber auch Ratschläge sind Schläge, zum Glück. Also weiter: „Scheidung leicht gemacht“, „Endlich nicht mehr abhängig“, „Mein Weg aus der Magersucht“, „Nie mehr Pickel und unreine Haut“, „Heiter im Alter“.
* Parfum. Wir haben noch ein paar alte Parfums, die wir nicht mehr mögen. Zusammengemixt, ergeben sie eine herrliche Mischung. Um den Flakon frisch aussehen zu lassen, müssen wir ihn mit Wasser auffüllen. Wenn wir sehr nett sind, nehmen wir dafür destilliertes Wasser oder Gesichtswasser. „Jeff Beringers neueste Kreation“, erläutern wir. „Das gibt es bisher nur in New York“.
* Gutscheine. Gutscheine gelten als Verlegenheitsgeschenke von Einfallslosen und ewig Verspäteten. Völlig zu Unrecht. Wir verschenken nützliche Gutscheine. Etwa für einen „Gala-Abend bei den Anonymen Alkoholikern“ oder „Eine Probestunde bei den Weight Watchers“. Nützlich ist auch ein Bon für eine „Kostenlose Beratung bei Dr. Sommer“ oder „bei Jürgen Domian“ oder wie der aktuelle gute Onkel gerade heißt. Höchst begehrt ist der „Gutschein für eine künstliche Befruchtung“ und – am besten gleich beigeheftet das „Ticket für eine katholische Schwangerenberatung“.
* Corned Beef. Leider ist der Rinderwahnsinn völlig in Vergessenheit geraten. Er hat sich nicht so durchgesetzt wie allgemein erhofft. Das können wir ändern. Zu unserer Dose echt britischem Corned Beef reichen wir eine selbst gefertigte Expertise der Unbedenklichkeit: „Britische Wissenschaftler haben errechnet, dass die Gefahr einer Infektion mit dem Creutzfeld-Jacob-Syndrom erst bei einem Verzehr von mehr als 75 Gramm Corned Beef beginnt.“ Erläuternd fügen wir hinzu: „Wenn du die Dose mit deiner Nachbarin teilst, besteht also kaum Gefahr.“
* Hörbibel. Selbst Weihbischof Anselm Greininger hat erklärt, eine Bibel sei „ein gemeines Weihnachtsgeschenk“. Noch quälender ist die „Hamburger Hörbibel“. Wie können sie als CD-Geschenkbox erwerben. „In 153 gottesdienstlichen Veranstaltungen haben 750 Vorleserinnen zwischen 16 und 83 Jahren aus der Bibel vorgelesen.“ Das ist aufgenommen worden. Die ersten Rezensenten verglichen das Hörwerk mit den Foltern der Inquisition. Optimal für unsere Geschenkliste!
* Fragebogen der Pflegeversicherung. Oder der „Mini-Mental-Status-Test“. Ihn auszufüllen macht Spaß und kann nützlich sein. Die Befragten sollen sich an den eigenen Namen und an die aktuelle Jahreszahl erinnern, sie sollen fünf Worte wiederholen, einen diktieren Satz hinschreiben und hundert minus sieben rechnen. Die Beschenkten können mit diesem Test die Einschätzung der Pflegestufe trainieren – je dementer, desto mehr Geld wird es geben. Rechtzeitig üben!

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